
Irgendwie scheine ich ein gewisses Talent zur Selbstverstümmelung, insbesondere der Kopfregion zu haben. [Der geneigte Leser wird sich evtl. noch an die
Sauron-
Mosche-Aktion erinnern..] Mittwoch Abend war eigentlich geplant, ein wenig Berliner nightlife zu schnuppern. In der Eile der Vorbereitung indes, zudem die Augen hinten statt vorn, rannte ich in einem Prenzelberger Wohnzimmer gegen den Glasschirm einer zu tief von der Decke herabhängenden Lampe. Und damit nicht genug - es soll ja r i c h t i g weh tun. Meine Stirn kollidierte in hohem Tempo mit selbigem exakt an jener Stelle, an der bereits ein Stück des Randes abgesplittert und folglich messerscharf war - wie ich später heraus fand. Zunächst war mir nur ein heftiger Schmerz bewusst; dass zwischen Zeige- und Mittelfinger sich Blut den Weg bahnte, merkte ich erst, als ich in den Badspiegel sah. Hach, wie fein sind doch Kopfverletzungen! Die hören nämlich gar nicht mehr auf zu bluten.
Damit war die Abendplanung ad acta gelegt und in einen Besuch der Charité umgewandelt. Dort eröffnete man mir, dass die Wunde nicht geklebt werden könne, sondern genäht werden müsse. Erneutes 'Na Bravo'. Also ab auf die Pritsche und ein Lokalanästhetikum gespritzt. Dummerweise nur lag just am Rande der Wunde eine Ader, die justamente auch noch verletzt wurde beim Versuch des Betäubens. Also pulste erneut Blut (die Blutung hatte ich bis dahin inzwischen stoppen können), diesmal in lustiger Herzschlagfrequenz heraus und floss über den Kopf, den Hals hinab.. ach, wie schön... Aber auch davon bekam ich zunächst nichts mit. Ich hatte genug zu kämpfen, mich in die Seiten der Pritsche zu krallen, während mir die Betäubungsspritzen in die Wunde gejagt wurden.
Schließlich ging es ans Nähen - dumm nur, dass das Anästhetikum nicht so ganz wirkte. Bei jedem Faden-hindurch-ziehen dachte ich, ich müsse nachgeben und mit dem Kopf dem Faden folgen. Muss schreiend komisch ausgesehen haben...
(Ich war übrigens sehr tapfer: kein hysterischer Anfall, kein lautes Rumgeflenne, sondern ich hab die Zähne zusammen gebissen. Und mir ein paar wenige, stumme Tränen gegönnt.)
Nun kann ich also bei den (pflicht-)schlagenden Buxen und Currys *) mitreden, denn nun w e i ß ich, wie es ist, (fast) ohne Betäubung am Kopf genäht zu werden. Mit dem Unterschied, dass ich mir die Wunde nicht mutwillig beim Fechten habe zufügen lassen, um zum Manne zu werden...
Als der Doc mich aus der Charité entließ, lächelte er: "Ich hoffe" sagte er und zeigte auf die frische Naht, "Sie werden da keinerlei Erinnerungen an mich haben."
Zurück im Prenzelberg ging es dann in eine Videothek um die Ecke, denn mit irgendwas musste der Abend ja noch gefüllt werden. Ich stand vor dem Regal und studierte die ausliegenden Actionfilme - irgendwie gelüstete mir plötzlich danach. Das lag vielleicht auch daran, dass die Hälfte meines Kopfes und damit Haars voll frischen Bluts war, dessen Geruch mir bei jeder Kopfbewegung in die Nase stieg. Als der Typ hinterm Tresen die beiden Actionfilme meiner Wahl auf den Tisch legte, schaute er von den DVD-Hüllen zu mir auf, wieder zurück, sah mich erneut und diesmal sichtlich irritiert an. Das lag nicht nur am Blut. Ausgerechnet an jenem Abend trug ich ein T-Shirt mit dem Schriftzug
RENT A KILLER.
*) Buxen = Burschenschafter, Currys sind Corporierte/Corps-Studenten. - Apropos: Zum Papsten wollte ich ja auch mal was schreiben...
UPDATE:
>>> neue Lach- und Sachgeschichten aus dem Hause TC