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3
Aug
2006

Über das Lesen von Büchern. Und das Schreiben.

Palmens Erbschaft habe ich vor ein paar Tagen gelesen und beendet. Ein schlankes Büchlein von 150 Seiten. Ihr Stil wie immer leicht und flüssig. Und doch... irgend etwas habe ich vermisst.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich ihr erstes Buch, Die Gesetze, damals verschlang. Da war ich wohl 21. Ich war fasziniert von dieser leichtfüßigen Sprache, die dennoch in der Lage war, schwierige philosophische Fragen zu transportieren. Ich war hingerissen. Später las ich auch "Die Freundschaft" und "I.M." - für ersteres erhielt sie, so las ich kürzlich, den anerkanntesten niederländischen Literaturpreis. Und die erzählte Beziehung in I.M. faszinierte mich ebenfalls durch ihre direkte, ehrliche, eigene und eigenwillige Art. All diese Bücher las ich vor der Mitte der Zwanzig. Und in allen f a n d ich. Literatur, die man liebt, ist immer Literatur, in der man findet.
Nun, mit Mitte Ende Zwanzig, habe ich mir die Erbschaft gekauft. Ich entdeckte es zufällig; ich wusste nicht, dass es inzwischen ein neues Buch von ihr gab. Ich habe es gelesen. In drei Tagen. Locker. Flüssig. Leichte Sprache. Ein Buch über das Schreiben. Eine Begegnung zwischen einer unheilbar erkrankten Autorin Ende vierzig und einem jungen, eigentlich schwulen, Mann Anfang dreissig. Sie stellt ihn an als persönlichen Sekretär, Mädchen für alles. Für die Zeit der Krankheit bis zu ihrem Tod. In diesen fünf Jahren weist sie ihn ein in ihre Literatur, ihre Überlegungen, ihre Poetik. Er muss ihr letztes Buch schreiben, für das ihr die Zeit nicht mehr bleiben wird.
Im Grunde ist es eine schöne und gelungene Erzählung einer Beziehung zwischen zwei Menschen, die sich einlassen auf die Fehler, Ecken, Ängste des anderen. Weil sie es müssen. Weil sie es wollen.
Und dennoch: als ich das Buch ausgelesen hatte, blieb eine Leere in mir zurück. Das, wonach ich gesucht hatte, was ich erwartet hatte, fehlte. Die Wirkung blieb aus. Ich habe lange darüber nachgedacht, woran das liegt. Vielleicht daran, dass ich Bücher inzwischen anders lese. Dass ich inzwischen viel mehr gelesen und erlebt habe, also inzwischen mehr weiß über Leben als mit 21. An manchen Stellen empfand ich das Buch sogar profan. Weil ich all das schon wusste, was da stand. (Die Kunst des Schreibens besteht schließlich auch darin, bekannte Dinge so zu formulieren, dass sie so wirken, als seien sie neu entdeckt.) Kein Geheimnis mehr, das sich mir auffaltete wie ein Brief, den man öffnet und zum ersten Mal liest. Es gab für mich in diesem Buch nichts wirklich Neues mehr zu entdecken.
Wenn ich lese, bin ich immer auf der Jagd: nach Wahrheit. Nach diesem einen Satz, der einen Passage, in der die Aussage des gesamten Buches kulminiert. In der Erbschaft fand ich nicht.
An manchen Autoren wächst man, sie begleiten einen. Manche kann man erst viel später lesen, will man sie v e r s t e h e n. Manche kann man immer wieder lesen - sie bergen für jede Phase neue Entdeckungen. Das sind für mich w i r k l i c h gute Bücher. Manche Autoren aber lässt man irgendwann hinter sich. So wie Hesse. Oder jetzt Connie Palmen.

Auch dieser Abschied schmeckt nach Wehmut. Ein wenig.

Von Soll und Haben.

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Rubrik: Oxymoron

Totgequatscht

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Titania Carthaga

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Titania Carthaga - 2009-12-02 13:32
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Das ist wunderbar zu lesen. :)
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Ich weiß nicht, ob ich es anders meine. Ihnen...
steppenhund - 2009-11-17 16:43
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Titania Carthaga - 2009-11-17 16:30
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Gratuliere. Dem Mann ist vermutlich auch zu gratulieren...
steppenhund - 2009-11-17 15:59
Sprachlos
Ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt und fasziniert...
Titania Carthaga - 2009-11-17 15:59
Genau!
Städte sind oft das komplette Gegeteil von ihrem...
Ralf (Gast) - 2009-11-17 12:57
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Titania Carthaga - 2009-11-17 10:55

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