
Pünktlich um 21.51h kam ich am Schulterblatt an - ohne mir so ganz darüber im Klaren zu sein, was mich gleich erwarten würde. Ich war mit der
Weltregierung am bedford verabredet. Eigentlich wollten wir uns schon nachmittags treffen, aber es ergab sich eben so. Der Treffpunkt war heikel gewählt - zumindest für kurz vor 22h. Schon als ich ankam, ein Vibrieren in der Luft, ohne dass erkennbar gewesen wäre, weshalb. Später verstand ich, dass es die Erwartung des alljährlichen Rituals war, das eben um diese Zeit beginnt. Die Weltregierung kam in Camouflage gehüllt: Jacket. "Da haben die Bullen Beißhemmung. Ich könnte ja ein FDP-Wähler sein", kommentierte er grinsend. Plötzlich knallten einzwei Feuerwerkskörper im Himmel und sofort fuhren die Wasserwerfer auf. Hektisch
wurden die Boxen von der Bühne geladen... Die obligatorisch-prophylaktischen Durchsagen, dass Steine- und Flaschenwerfen endlich zu unterlassen sei, war eine Farce. Realitäten (=Gründe) schaffen, indem man sie einfach behauptet. Bis dahin hatte ich keine einzige Flasche oder sonstiges fliegen sehen. Nur ein paar Skandierwellen flogen von der Flora in Richtung Polizeitruppen. Gebrannt hat bis dahin auch nichts, von den Feuerwerkskörpern abgesehen. Wir verkrümelten uns vom Schulterblatt in eine Seitenstraße, wo vorher eine entspannte Party lief. Auch da nun eilige Betriebsamkeit, Kabel wurden von der Straße eingerollt, Tische, Kisten und anderes Gerät in Häusereingänge geräumt. Und dann kam auch schon der nächste
Wasserwerfer. Wir flüchteten uns in einen Hauseingang, waren ja nur Zuschauer, wurden trotzdem vertrieben. Wie gejagtes Wild rannten einige davon. Meine Begleitung mahnte mich nur: "Lauf langsam und entspannt. Du hast nichts getan. Du warst nur auf einem Straßenfest. Und: Sei IMMER freundlich zu Polizisten..." Aus der Seitenstraße in die nächste... Festgesetzt. Auch da schon Polizeisperre und Wasserwerfer. Immer mehr skandierten Haut ab-Rufe - nun auhc welche, die gar nix mit Autonomen am Hut zu haben schienen, sondern sich vom Vorgehen der Polizei bedroht und kriminalisiert fühlten. Kein Durch- oder Rauskommen. Wir fragten eine Polizistin, ob wir rausdürfen. Nein. Keine Chance. CIh sah mich um: Von allen Anwesenden waren vielleicht 5 Prozent "Schwarzer Block" - alle anderen ganz normale Leute. Vor wem hatten die Grünmänner also Angst? Wer bedrohte die "Ordnung"? Ich habe keine Antwort gefunden. Die paar Heinis, die ein
Regal auf die Straße zerrten und anzündeten (die Presse nennt das dann "Barrikaden") verlangen nicht nach solch heftigem Vorgehen. Und: Sie würden es wohl kaum tun, wenn niemand sie "bedroht". Ich versuchte mir vorzustellen, was passierte, würde die Polizei sich null blicken lassen. Verpuffte das Gebahren nicht völlig - und passierte im Grunde also nichts wirklich Schlimmes, wenn der gefühlte Agressor fehlt?
Wir saßen also fest - mit vielen anderen, die eigentlich nur feiern wollten. Mich amüsierte, dass einige der Döner-, Shop- und Kioskbesitzer - allesamt südlicher Herkunft - eifrig und immer wieder vor ihren Läden den Besen schwangen ud die Unmengen Kronkorken und Papierreste in den Rinnstein fegten. Bisher dachte ich, Ordnungsfimmel wäre eher "deutsch"... :) Das Epizentrum der "Krawalle" verlagerte sich immer mehr Richtung Pferdemarkt, so dass es "ruhiger" wurde. Aufgekratzt war die Stimmung dennoch. Da half nur Bier und das gab es reichlich. Weiterhin überall Ordnungshüter, die Wege versperrten. Gegen halb 3 trabte ich dann endlich außen herum zur U Sternschanze. Ich wollte nur noch heim.
Eine seltsame, unangenehme Erfahrung. Immer wieder stellte ich mir die Frage, ob solches Vorgehen nicht zwangsläufig Menschen politisiert und zu Sympathisanten macht, und zwar in eine Richtung, die "dem Staat" nicht passt.
Ähm... wer war gleich nochmal "der Staat"? Wir, oder?
