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15
Nov
2006

Hinterland

apos[ Erste Fassung. Aktuelle Fassung hier. ]

Keine Ahnung, wie ich hierher gekommen bin und wie lange ich schon hier stehe: auf einem kleinen Platz, den niedrige, höchstens zweistöckige, gehöftartige Häuser einfassen. Irgendwo in einem Hof kläfft ein Hund. Der Mond betrachtet sich im blanken Kopfsteinpflaster; Wolken verfangen sich an der Spitze des Kirchturms, dessen Uhr ein Viertel schlägt. Aber von welcher Stunde?
Mir fällt wieder ein, dass ich Hilfe suche. Ich kann es mir selbst nicht erklären, wie ich lebend und noch dazu unverletzt davon gekommen bin. Mein Auto ein Wrack, das überschlagen am Hang hinter der scharfen Linkskurve liegt, kurz vor dem Ortseingangschild. Was hatte da drauf gestanden - Kindelbrück?
Aus einer Gasse, die rechts vom Platz zwischen zwei Hoftoren wegknickt, sehe ich einen Lichtschein - den einzigen in diesem Ort. Zwar gibt es vereinzelt Straßenlampen, jedoch leuchtet keine. Wohl auch hier der finanzielle Lochfraß ländlicher Gebietsverwaltungen, wie überall im Hinterland der Städte, die sich wie Perlen an der Hauptschlagader des Landes auffädeln und alles, was zwischen ihnen und dem touristischen Mittelgebirge liegt, über sich selbst vergessen haben.
Ich folge dem Licht. Es dringt aus einem der Fenster. Die Gasse ansonsten dunkel. Es ist eine Kneipe - mit einem Namen, der nach Heimat klingen soll, Feldschlösschen oder so ähnlich, das kann ich im Dunkel schwer lesen. Sie ist nicht groß und, da es schon spät zu sein scheint, relativ leer. Ein blasser Typ in Lederhose lehnt an der Bar vor einem Bier, daneben eine junge Frau, eher noch Mädchen, auf einem Barhocker. So recht will sie hier nicht hinein passen mit ihrem schwarzfransigen kurzen Haar und bleich geschminktem Gesicht. In der Ecke an einem Tisch ein Ehepaar Ende der Vierzig.
Die Wände, holzverkleidet und wohl gern als rustikal bezeichnet, sind mit Nippes voll gehängt und -gestellt: verstaubte Pokale, die von längst vergangenen Siegen künden, Wimpel, Blechteller, vergilbte Fotos. In der Ecke ein altes Röhrenradio, aus dem Sweet Home Alabama dudelt. Der Wirt, über seinem Bauch spannt eine speckige Weste, steht hinter der Bar, nickt mir zu und deutet mit dem Kinn auf den Tisch rechts neben der Tür, auf dem an einem Metallständerchen ein roter Wimpel baumelt: eine 3 prangt weiß darauf.
Ich überlege, ob ich gleich nach der Polizei frage oder erstmal nach einem Telefon, da wälzt sich der Wirt mit einem Glas Bier zum Tisch, neben dem ich noch stehe, und stellt es mir hin. “Hab gewusst, dass du kommst und schon mal für dich gezapft. Ganz frisch.” Er grinst schmierig. “Gibts hier ein Telefon? Ich müsste mal...” - “Nu setz dich erstmal und trink.” Ein Unterton, der keinen Widerspruch duldet. Ich schlüpfe also aus meiner Jacke, hänge sie über die Lehne des Stuhls neben mir und setze mich. “Ich zahl aber gleich.” - “Na, mal nich immer so ne Eile, eins nach’m anderen”, sagt er da, diesmal mit einem etwas freundlicheren Tonfall im schmierigen Grinsen, das ihm wie Fett im Gesicht glänzt. Dahinter, an der Wand neben der Bar, kleben Toilettenzeichen, darunter das grüne Notausgangsschildchen.
Das Klingeln eines Telefons surrt durch den Raum. Der Wirt wälzt sich zurück hinter seine Bar und nimmt ab. “Ja, gut… Ja… Weiß ich Bescheid.” Legt wieder auf. Kurzes Kopfnicken zu dem Blassen an der Bar, der daraufhin sein Glas leert, es geräuschvoll absetzt und nach seiner Jacke greift, die auf dem Barhocker zwischen ihm und dem Mädel liegt. Das bricht in ein krähendes Lachen aus und verfällt in einen Kindersingsang: “Irgendwann sind wir alle dran, irgendwann sind wir alle dran!” Der Blasse ignoriert das, nickt dem Ehepaar in seiner Ecke zu, dann ein kurzer Blick zum Wirt und verschwindet neben der Bar ins Dunkel nach hinten.
Der Wirt wälzt sich wieder hinter der Bar hervor und schiebt sich durch den kleinen Wirtsraum zur Eingangstür, holt einen Schlüsselbund aus der Westentasche und schließt sie ab. “Heut kommt keiner mehr.”

“Wie spät ist es eigentlich?” frage ich in seinen Rücken. Er wendet sich schwerfällig um mit routiniert flüchtigem Blick aufs Handgelenk, an dem keine Uhr zu sehen ist. “Gleich zwei. Warum willst du das noch wissen? Der Tag is eh gleich rum!” Er lacht heiser. Das Mädel an der Bar summt noch immer die Melodie vor sich hin. Das Ehepaar kauert stumm und seltsam verschreckt auf der hölzernen Sitzbank. “Noch ne Beam-Cola, Herr Ober!” kräht das Mädel an der Bar. “Nee, für dich is jetz genuch” brummt der Wirt. “Ich will aber noch eine!” Die Stimme schlägt Purzelbäume. Das Telefon klingelt wieder. Der Wirt nimmt ab, “Ja, okay”, legt wieder auf. “So, Mädelchen, nu aber husch, husch.” - “Ach scheiße, jetz, wo’s grad angefangen hat, lustig zu werden.” Es mault noch etwas, während der Wirt es zum Hinterausgang bugsiert. Ich nehme einen großen Schluck von meinem Bier, das ich bis jetzt nicht angerührt habe. Sehe über den Glasrand zum Ehepaar hinüber, das meinem Blick ausweicht. Ein einzelnes Bierglas steht vor ihm auf dem Tisch, eine kleine Pfütze schwimmt noch darin. Angle irgendwann nach meiner Jacke und hole meine Zigaretten hervor. An der Außenseite der Jackentasche ist ein großer Schlatz, der Stoff hängt im Triangel heraus. Meine Zigaretten fast alle zerbröselt, nur eine windschiefe, die sich noch rauchen lässt.

Ich finde mein Feuerzeug nicht. Es muss beim Unfall durch das Auto und wer weiß wohin geflogen sein. Als ich aufblicke, wirft mir der Wirt eine Schachtel Streichhölzer zu. “Danke”, sage ich. Und zu dem Ehepaar: “Sind Sie hier aus dem Ort?” - “Nee, Kannawurf”, erwidert der Ehemann und versinkt sogleich wieder in Schweigen. “Is n Nachbarort, gleich drüben, fünf Kilometer von hier”, ergänzt der Wirt und weist mit der Hand in die Richtung. Und zu den beiden: “Habt noch paar Minuten. Wollt ihr noch was?” Sie nicken stumm und sind plötzlich ganz grau im Gesicht. Der Wirt spült Gläser und beginnt, ein weiteres Bier zu zapfen. Da klopft es kräftig gegen die Scheibe am Vordereingang. “Jaja, immer mit der Ruhe!” gibt der Wirt zurück und zapft das Bier fertig. Das Klopfen wird energischer. “Ich komm ja schon!” Er bringt den beiden das Bier, schwimmt durch den Raum zur Tür und schließt auf. Eine alte Frau steht davor, auf einen Krückstock gestützt, mit verzerrtem Gesicht. “Ja, Ilschen! Mit dir hab ich heut aber nicht gerechnet!” - “Ich auch nicht” entgegnet sie knapp und humpelt in den Gastraum. “Gib mir nen Schnaps. Aber vom guten!” befiehlt sie. Ihr Gesicht ist kalkweiß und tief zerfurcht von Falten. Doch die Falten allein lassen das Gesicht nicht so verzerrt wirken. Sie sieht aus als wäre sie - tot. Ich bin starr. Sehe zu dem Ehepaar, zum Wirt, zu der Alten. Das Telefon klingelt wieder, der Wirt schwimmt zum Telefon - er sieht sehr lebendig aus - nimmt ab, nuschelt sein “Ja, gut” in die Sprechmuschel und legt auf.
Das Ehepaar erhebt sich, die Frau sieht mich mitfühlend an - sie sind beide plötzlich blutüberströmt, die Kleider und das Haar versengt, ihre Gesichter verbrannt, der Mann ist am Bein verletzt, sie stützt ihn - “Gasexplosion” erklärt sie mir noch im Hinausgehen.
Ich sehe an mir herunter: Hemd und Jeans sind zerrissen, überall ist Blut, unter dem Stofffetzen am Oberschenkel klafft Fleisch und etwas Weißes hervor, ich will an meinen Kopf fassen, kann aber nur noch meinen rechten Arm bewegen, die Hand ist seltsam verdreht und blutverkrustet, doch fühle ich keinerlei Schmerz.
“Tja, hier kommt jeder vorbei, bevor er endgültig geht”, sagt der Wirt. “Hastes jetz also auch kapiert, Junge. Willste noch was?” - “Ja. Scotch bitte. Nen Dreifachen.”

erste Rohfassung, ausbaufähig | (c) RDH, Nov. 2006

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caliente_in_berlin - 2006-11-16 10:46

Puh. "Harter Lesestoff"...

Titania Carthaga - 2006-11-16 17:12

Si. Deswegen musste ichs loswerden und aufschreiben, kurz vor dem Einschlafen. ;o)
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Titania Carthaga - 2009-12-02 13:32
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steppenhund - 2009-11-17 16:43
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Wie schön, Sie wieder bei mir zu lesen! Und die...
Titania Carthaga - 2009-11-17 16:30
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