Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien:

11
Mrz
2007

Sonnenspiele

aposSie schritt im Geist die Küstenlinie ab, an der sie seinerzeit oft spazieren gegangen war, während sie den Rücken des Jungen betrachtete. Er saß am Nachbartisch auf der Biertischbank in der Sonne. Hatte das T-Shirt ausgezogen, das nun neben ihm über der abblätternden Farbe der Bank lag. Die Ärmel hingen herunter, als streckten sie sich dem letzten Grasbüschel entgegen, um dort hineinzugreifen. Unter der hellen Haut, die in der Sonne schimmerte, zeichneten sich fein die einzelnen Wirbel ab, liefen weich und biegsam vom blonden Nacken hinunter bis in den Steiß wie ein unter die Haut geschobenes Reptil. Über das rechte Schulterblatt hatte sich der Schatten eines aufgespannten Sonnensegels gelegt - eine Pigmentstörung der Haut, vielleicht Muttermal. Er formte die Landkarte einer Insel, die sie nur zu gut kannte. Deren Konturen füllten sich sofort mit Bildern. Thymian, der unterhalb des Leuchtturms in der prallen Sonne büschelte und seinen Duft weithin verströmte. Wilde Heckenrosen, die sich über den Abgrund der Steilküste warfen. An deren Fuß mäanderte, zum Steinstrand hin, eine Lehmader, ergoss sich an Holzbohlen vorbei ins Meer und verfärbte das Blaugrün in beigefarbenen Wolken.
Ihr Blick fiel auf den Kanten Brot, der im leeren Suppenteller lag. Sonnenflecken standen ihr vor den Augen, und sie wusste nicht, ob sie von außen auf die Netzhaut geworfen wurden oder doch von innen. Die Brise vom Meer her war abgeflaut und die Sonne brannte auf der Haut. Ihr wurde schwindelig. Sie erhob sich, wankte nach drinnen in den dunklen Gastraum des Ausfluglokals und suchte die Toilettentür. Fand sie nicht gleich, erkundigte sich am Tresen, über dem in einer Ecke die Fernsehröhre Bilder des Jahrhunderthochwassers zeigte – ganz Dresden ertrunken. Man wies ihr wortlos mit nachlässiger Geste die Richtung ums Eck, die Treppe hinab. Das Blut sackte tief in die Waden, während sie die Stufen hinab stieg und beinahe wäre sie gestürzt, doch sie bekam noch mit der rechten Hand das Geländer zu fassen. Unten ging eine Tür, und ihr entgegen, die Treppe empor, kam eine ältere Frau, kam auf sie zu.
"Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Brauchen Sie Hilfe?"
Die warme, sehnige Hand der Frau ruhte auf ihrem Unterarm. Ihre leicht gerötete Haut roch nach Sonnencreme.
"Nein, nein, danke, es geht mir gut. Es ist nur... die Sonne."
"Sind Sie sicher?"
Ruhig blickten diese Augen sie an.
"Nein, es geht schon wieder, danke. Es ist wirklich nur die Sonne."
Sie versuchte ein Lächeln. Die Frau erwiderte das, drückte ihr kurz noch den Arm und verschwand wortlos nach oben.
In der Toilettenkabine roch es stark nach Urin. Sie floh in die benachbarte. Starrte auf die Tür vor ihrer Nase und daran auf ein Plakat, das für einen überteuerten Segeltörn warb. Die Schaumkronen hüpften im Hintergrund der Reling, vor dem Horizont wehte dunkelblond sein mit Silberstreifen durchzogenes, vom Salzwasser strähniges Haar. Die Falten um seine Mundwinkel in die Haut gegrabene Schatten unter der hoch stehenden Sonne, wenn er lachte. Seine Haut, die immer dezent nach Leder roch und nach Schweiß.
Sie drückte den Spülknopf, wischte mit dem Handrücken über die Augen und trat ans Waschbecken. Blickte sich im Spiegel darüber an. Betrachtete die Fältchen, die bereits leicht hängenden Lider. "Du bist wie ein halb untergegangenes Land", hatte er ihr einmal gesagt und sie nicht angesehen dabei, stattdessen, die Unterarme auf die Reling gestützt, den Blick auf den Horizont geheftet. "Ich kann schon schwimmen, mach dir mal keine Gedanken", hatte sie ihm, vielleicht ein wenig zu flapsig, erwidert.
Sie verließ den Vorraum, wandte sich zur Treppe, da fiel ihr Blick auf einen Aufsteller mit Prospekten, der daneben aufgestellt war. Aufgeregt bunt bewarben sie einen Tagesausflug ins benachbarte Seebad, Ponyreiten am Bodden für Kinder, und wieder den Segeltörn. Sie zog den Flyer aus der Metallhalterung, blätterte darin, faltete ihn wieder zusammen. Da sprang ein Ball die Stufen herab und auf sie zu. Sie hob ihn auf. Die warme Lederhaut schmiegte sich auf ihre, er musste bis eben in der Sonne gelegen haben. In ihrer Hand schwammen weiße Segelboote auf blauem Wasser.
"Kann ich bitte meinen Ball haben?"
Vor ihr stand der Junge mit der Landkarte auf dem Rücken und dem Reptil unter der Haut.
"Oh, Entschuldigung."
Sie trat auf ihn zu, zögerte kurz. Dann:
"Wie heißt du denn?"
Der Junge schaute sie aus grauen Augen an.
"Willst du mir nicht sagen, wie du heißt?"
Sie hockte sich vor ihn hin, den Duft des warmen Leders in der Hand wiegend.
"Ich bin Ariane. Und du? Wie heißt denn du?"
Sie stupste ihm dabei mit dem Zeigefinger gegen die Brust.
Er zögerte, schließlich: "Daniel."
Seine Lider senkten sich über die Augen und die langen blonden Wimpern warfen kleine Halbmondschatten darunter.
"Machst du hier Ferien?"
Sein Blick blieb auf seine nackten Zehen geheftet, die aus den blauen Sandalen hervorlugten.
"Oder wohnst du hier?"
"Kann ich jetzt bitte meinen Ball wieder haben?"
Trotz und Unsicherheit in der Stimme.
Sie legte ihm den Ball in die Hände, ihre Finger berührten seine sonnenwarme Haut. Augenblicklich zog sie ihre Hand wieder zurück und der Junge rannte, den Ball unter den Arm geklemmt, die Stufen nach oben.
Benommen stand sie am unteren Ende der Treppe und starrte ihm nach. Das konnte einfach nicht sein, das war utopisch, geradezu lächerlich. Sie versuchte, sich dem Gedanken entgegenzustemmen, ihn mit Argumenten zu entkräften. Doch er ließ nicht von ihr ab, sondern fiel immer wieder und erneut über sie her. Der Segeltörn lag noch immer in ihrer Hand. Sie steckte ihn eilig wieder zurück in den Aufsteller und stieg die Stufen nach oben.

Als sie aus dem Gastraum ins Freie trat, sammelte die ältere Frau herum liegendes Spielzeug zusammen, klopfte es ab und verstaute es in einem Rucksack, von dessen Rückseite Micky Maus lachte. Neben ihr der Junge gerade dabei, sein T-Shirt überzuziehen. Langsam schritt sie an dem Tisch der beiden vorüber, beobachtete den Jungen aus den Augenwinkeln. Da entdeckte die Frau sie.
„Alles wieder in Ordnung mit Ihnen?“
Sie blieb stehen und wandte sich zu ihr um.
„Danke, ja, mir geht es gut.“ Sie strich ihr Haar aus der Stirn und schirmte mit der Hand die Augen vor der Sonne ab.
„Tante Anni, das ist die Frau von unten!“
Die Stimme des Jungen schnitt (?) in ihren Gehörgang. Die Frau lächelte, streichelte ihm über den Kopf.
„Entschuldigung, ich wollte nicht…“
„Ist schon gut“, ihr ruhiger Blick löste die momenthafte Spannung, „es ist aber besser, wenn er vorsichtig ist. Ich möchte das so. Man weiß ja nie.“
„Natürlich. Dann… wünsche ich noch schöne Ferien.“
Sie nickte der Frau zu, wandte sich von ihr ab, kurzer Blick zu dem Jungen. In die Bewegung hinein, bereits halb in ihren Rücken gesprochen:
„Wir machen keine Ferien. Wir sind von hier.“ Da blieb sie stehen, wandte sich langsam zurück.
„Ach... Dann sind Sie wirklich zu beneiden.“ Sie lachte verkrampft, während der Junge sie unsicher anblickte, als kennte er sie, hätte aber vergessen, woher.
„Der Alltag frisst an jeder Ecke, die man nicht vor ihm bewahrt. Das hat mit Geografie nichts zu tun.“ Die Frau lachte. „Ist der Junge nicht schon groß für seine sieben? Und ganz der Vater.“ Stolz setzte sie das nach, während ihre Hand auf seiner Schulter lag.
„Hat er das Mal auf dem Rücken von ihm?“
„Da schlägt Daniels Mutter durch. Ist es nicht wunderschön?“
„Wie eine Insel im weißen Meer.“
„Na siehst du, Daniel, da hörst Du’s!“ Sie streichelte ihm dabei übers das Blond, in dem die Sonne ihr Licht verfing(?) und, den Kopf zu ihm gebeugt: „Na, wir wollen dann nach Hause gehen.“

[ Rubrik: SchreibFragmente, just in progress ]

Trackback URL:
http://rdh.twoday.net/stories/3422896/modTrackback

logo

Titania Carthaga

Mit etwas Größenwahn gelingen auch Dinge, die eigentlich unmöglich erscheinen.

[ Du darfst... ]

...Dich anmelden.

[ Die Anthologie ist da! ]

ANNO 1900, Weimar. Eine kulinarisch-literarische Ausschweifung
Erhältlich via Buchhandel oder Amazon

[ Wonach suchst Du? ]

 

[ kommentierte Ausgaben ]

Vorboten
Kaum tritt der Dezember über die Kalenderschwelle,...
Titania Carthaga - 2009-12-02 13:32
Das ist wunderbar zu...
Das ist wunderbar zu lesen. :)
june - 2009-11-17 20:22
Ich weiß nicht,...
Ich weiß nicht, ob ich es anders meine. Ihnen...
steppenhund - 2009-11-17 16:43
Oh.
Wie schön, Sie wieder bei mir zu lesen! Und die...
Titania Carthaga - 2009-11-17 16:30
Gratuliere. Dem Mann...
Gratuliere. Dem Mann ist vermutlich auch zu gratulieren...
steppenhund - 2009-11-17 15:59
Sprachlos
Ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt und fasziniert...
Titania Carthaga - 2009-11-17 15:59
Genau!
Städte sind oft das komplette Gegeteil von ihrem...
Ralf (Gast) - 2009-11-17 12:57
Ungefähr so, wie...
Ungefähr so, wie sich HH immer als eisglitzernde...
Titania Carthaga - 2009-11-17 10:55

copyright | license

Creative Commons License
Dieser Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz [ by-nc-nd ] lizenziert.

Außerhalb der Lizenz gilt:

Page copy protected against web site content infringement by Copyscape

[ Counter, Buttons & more ]



Visitor locations
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de

kostenloser Counter

[ RSS ]


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this page (summary)