Hinterland (II. Fassung)
Mir fällt wieder ein, dass ich Hilfe suche. Ich kann mir selbst nicht erklären, wie ich lebend und noch dazu unverletzt davon gekommen bin. Mein Auto ein Wrack, das überschlagen am Hang hinter der scharfen Linkskurve liegt, kurz vor dem Ortseingangschild. Was hatte da drauf gestanden - Kindelbrück? Aus einer Gasse, die rechts vom Platz zwischen zwei Hoftoren wegknickt, ein Lichtschein - der einzige in diesem Ort. Zwar gibt es vereinzelt Straßenlampen, jedoch leuchtet keine. Wohl auch hier der finanzielle Lochfraß ländlicher Gebietsverwaltungen, wie überall im Hinterland der Städte.
Ich folge dem Licht. Es dringt aus einem der Fenster. Die Gasse ansonsten dunkel. Über dem Fenster zuckt auf Neonröhrenweiß der Namenszug einer Kneipe. Einige der schwarzen Frakturbuchstaben fehlen dem Namen, der nach Heimat klingen soll. Sie ist nicht groß und, da es schon spät zu sein scheint, relativ leer. Ein blasser Typ in Lederhose lehnt an der Bar vor einem Bier, das Haar zu einem dürren Pferdeschwanz zusammengebunden; neben ihm eine junge Frau, eher noch Mädchen, auf einem Barhocker. So recht will sie hier nicht hinein passen mit ihrem schwarzfransigen kurzen Haar und bleich geschminktem Gesicht. An einem Tisch neben der Bar ein Ehepaar Ende der Vierzig. Dazwischen, in der Ecke, zwei Doggen. Die eine schwarzweiß gescheckt, sie hebt bei meinem Eintreten müde die Lider. Die andere, offensichtlich noch jung, springt auf und tänzelt um mich herum. In ihrem schwarzen Fell auf der Brust drei weiße Flecken, die eine Diagonale bilden. Ich mag Hunde nicht. Das bleiche Mädchen bemerkt das, ruft nach dem Hund: „Sirius!“ Der aber scheint meine Angst zu riechen, – „Sirius, bei Fuß!“ – jedenfalls denkt er überhaupt nicht daran, von mir abzulassen. „Sirius!“ dröhnt es plötzlich von hinter der Bar. Augenblicklich dreht das Tier ab und trollt sich in die Ecke.
Der Wirt, über seinem Bauch spannt eine speckige Weste, nickt mir zu und deutet, während er Gläser spült, mit dem Kinn auf den Tisch rechts neben der Tür, auf dem an einem Metallständerchen ein roter Wimpel baumelt: eine 3 prangt weiß darauf.
Die Wände, holzverkleidet und den Ruch rustikaler Gemütlichkeit verbreitend, sind mit Nippes vollgehängt und -gestellt: verstaubte Pokale, Wimpel, Blechteller, vergilbte Fotos. In der Ecke ein altes Röhrenradio. Sweet Home Alabama.
Frage ich gleich nach der Polizei oder erstmal nach einem Telefon, denk ich bei mir, da wälzt sich der Wirt mit einem Glas Bier zum Tisch, neben dem ich noch stehe, und stellt es mir hin.
“Hab gewusst, dass du kommst und schon mal für dich gezapft. Ganz frisch.”
Er grinst schmierig.
Unter seinem hochgekrempelten Hemdsärmel kriecht eine Schlange hervor, die eine Kugel im Maul trägt, nein, einen Apfel – der Stiel lugt seitlich hervor.
“Gibt’s hier ein Telefon? Ich müsste mal...”
“Nu setz dich erstmal und trink.”
Ich schlüpfe also aus meiner Jacke, hänge sie über die Lehne des Stuhls neben mir und setze mich.
“Ich zahl aber gleich.”
“Na, mal nich’ immer so ne Eile, eins nach’m anderen”, sagt er da, diesmal mit einem etwas freundlicheren Tonfall im Grinsen, das ihm wie Fett im Gesicht glänzt. An der Wand neben der Bar ein grünes Notausgangsschildchen. Dort geht’s zu den Klos.
Das Mädel lümmelt an der Bar, rührt mit einem Strohhalm im fast leeren Glas Eiswürfel um. Um den Hals trägt sie ein Lederband, daran ein Pentagramm. Verkehrt rum. Ishtars Trauergemeinde.
Das Klingeln eines Telefons tönt durch den Raum. Der Wirt rollt zurück hinter seine Bar. “Ja, gut… Ja… Weiß ich Bescheid.” Legt wieder auf. Kopfnicken zu dem Blassen, der daraufhin sein Glas leert, es hart absetzt und nach seiner Jacke greift, die auf dem Barhocker zwischen ihm und dem Mädel liegt. Das bricht in ein krähendes Lachen aus und verfällt in einen Kindersingsang: “Irgendwann sind wir alle dran, irgendwann sind wir alle dran!” Der Blasse zieht eine Münze aus der Tasche und legt sie auf den Tresen. Nickt dem Ehepaar in seiner Ecke zu, ein kurzer Blick zum Wirt, dann verschwindet er zum Notausgang.
Der Wirt kommt hinter der Bar hervor und schiebt sich durch den kleinen Gastraum zur Eingangstür. Die schwarze Dogge springt auf und läuft auf ihn zu. „Aus!“, der Wirt, und „Platz!“, wobei er mit dem Arm in die Ecke weist. Er holt einen Schlüsselbund aus der Westentasche und schließt ab. “Heut kommt keiner mehr.”
“Wie spät ist es eigentlich?” frage ich in seinen Rücken. Er wendet sich schwerfällig um mit routiniert flüchtigem Blick aufs Handgelenk, an dem keine Uhr zu sehen ist. “Gleich zwei. Warum willst du das noch wissen? Der Tag is eh gleich rum!”
Er lacht heiser. Das Mädel an der Bar summt noch immer die Melodie vor sich hin. Das Ehepaar kauert seltsam verschreckt auf der hölzernen Sitzbank.
“Noch ne Beam-Cola, Charlie!” kräht das Mädel an der Bar.
“Für dich is jetz genuch.“
“Komm schon!”
Die Stimme schlägt Purzelbäume. Das Telefon wieder. “Ja, okay.” Der Wirt legt auf.
“So, Lili, nu aber husch, husch.”
“Ach scheiße, Mann.”
Sie mault noch etwas, während sie eine Münze auf das Holz des Tresens legt und der Wirt sie zum Hinterausgang schiebt. Ich nehme einen großen Schluck von meinem Bier, das ich bis jetzt nicht angerührt habe. Sehe über den Glasrand zum Ehepaar hinüber. Die Frau, dünne Fältchen um die Mundwinkel, an die Seite ihres Mannes gedrückt, als versteckte sie sich in seinem schmalen Schatten. Kurz sieht der Mann mich an, reißt seinen Blick weg. Ein einzelnes Bierglas vor den beiden in einer Pfütze. Ich angle nach meiner Jacke. Hole meine Zigaretten hervor. An der Außenseite der Jackentasche hängt der Stoff im Triangel heraus. Nur eine windschiefe lässt sich noch rauchen.
Finde mein Feuerzeug nicht. Es muss beim Unfall durch das Auto und wer weiß wohin geflogen sein. Als ich aufblicke, wirft mir der Wirt eine Schachtel Streichhölzer zu.
“Danke.” Zum Ehepaar: “Sind Sie hier aus dem Ort?”
“Nee, Kannawurf.”
“Nachbarort, gleich drüben, fünf Kilometer von hier”, ergänzt der Wirt und weist mit dem Arm in die Richtung. Auf seinem Unterarm dunkelgrün die Schlange. Und zu den beiden: “Wollt ihr noch was?”
Sie nicken stumm und sind plötzlich ganz grau im Gesicht. Der Wirt spült Gläser und beginnt, ein weiteres Bier zu zapfen.
„Schönes Tattoo haben Sie da“, sage ich.
Er brummt geschmeichelt.
„Hab ich noch nie gesehn.“
Da klopft es kräftig gegen die Scheibe am Vordereingang.
“Jaja, immer mit der Ruhe!”, gibt der Wirt zurück und zapft das Bier fertig. Das Klopfen wird energischer. “Komm ja schon!”
Er bringt den beiden das Bier, schwimmt durch den Raum zur Tür und schließt auf. Eine alte Frau steht davor, auf einen Krückstock gestützt, mit verzerrtem Gesicht.
“Ja, Ilschen! Mit dir hab ich heut aber nicht gerechnet!”
“Ich auch nicht” entgegnet sie knapp und humpelt in den Gastraum.
“Osiris sieht das anders. Gib mir nen Schnaps. Vom guten.”
Sie zieht einen Stuhl von einem Tisch, lehnt den Stock an die Tischkante. Auf dem linken Ringfinger hockt ein schwerer, golden eingefasster Schmuckstein und schimmert perlmutt. Ihr zerfurchtes Gesicht kalkweiß, ihr Blick tot.
Ich seh zu dem Ehepaar, zum Wirt, zu der Alten. Es klingelt abermals, der Wirt schwimmt zum Telefon, lebendig, “ja, gut”, legt auf. Die Hunde springen. Sie jagen durch den Raum, hüpfen an der Alten hoch, kläffen, japsen. Das Ehepaar steht auf, die Frau sieht mich mitfühlend an – sie sind beide plötzlich blutüberströmt, die Kleider und das Haar versengt, ihre Gesichter verbrannt, der Mann ist am Bein verletzt, sie stützt ihn, “Gasexplosion”, erklärt sie mir im Hinausgehen und drückt dem Wirt zwei Münzen in die Hand. Der drängt mit seinem Körper die Hunde von ihnen ab. „Mintaka! Sirius! Aus!“
Ich seh an mir herunter: Hemd und Jeans sind zerrissen, überall ist Blut, unter dem Stofffetzen am Oberschenkel klafft Fleisch und etwas Weißes hervor. Ich will an meinen Kopf fassen, kann aber nur noch meinen rechten Arm bewegen, die Hand ist verdreht und blutverkrustet.
“Hier kommen alle vorbei, wenn sie gehen”, sagt der Wirt.
„Hastes jetz auch kapiert, Junge.“
Die Hunde haben sich wieder beruhigt.
„Ich verstehe nicht ganz…“
„Osiris braucht Trauzeugen“, erklärt die Alte konziliant. „Wie jeden Herbst.“
© by TC/RDH 2006-2007
Titania Carthaga - 2007-06-04 01:36
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