Göttin & Idol
Ein erstes Geburtstagsgeschenk für M.
Anita Berber, die skandalöse Tänzerin, und Marlene Dietrich, die unnahbare Schauspielerin: beide waren berühmt, beide von androgyner Gestalt. Sie galten als verrucht, Vamp und Femme fatale; das Sinnbild der neuen, begehrenden Frau; als die Verkörperung des weiblichen Bohèmiens und Dandys schlechthin. Beide lebten in Berlin, dem „Zentrum“ der Goldenen Zwanziger in Deutschland. Selbst ihre Biographien weisen Parallelen auf. Denn sowohl Anita als auch Marlene wuchsen weitgehend vaterlos auf, umgeben von Müttern, Großmüttern, Tanten, und beide verbrachten einen Teil ihrer Ausbildungszeit in Weimar.

Dennoch waren sie trotz ihrer Ähnlichkeit grundverschieden. Der extrem-skandalöse Lebensstil der Berber hatte gar nichts gemein mit der preußischen Disziplin einer Dietrich - die „Venus der neuen Sachlichkeit“ mit ihrer Symbiose von Unschuld und Laster, Mutter und Liebesgöttin. Die Berber zog Skandale förmlich an, sie nahm Morphium und Kokain, trank pro Tag eine Flasche Cognac und prügelte sich mit jedem, der ihr quer kam. Ihre Hemmungslosigkeit verkörperte den wilden Drang ihrer Generation zu leben, ohne Gedanken an eine schon verlorene Zukunft. Sie war schon immer so, wie die Deutschen erst durch die Inflation wurden: verschwenderisch. Nicht aber aus Prasserei, sondern weil ihr das Wort Zukunft völlig egal war. Dadurch wurde sie zum Idol der Inflation, zu ihrer Todesgöttin. Die sich selbst verbrennende Berber, die mit 29 Jahren starb, war Sinnbild des puren Exzesses; die disziplinierte Dietrich, ein Muster wilhelminischer Zucht und Körperkontrolle, wurde 91 Jahre alt. Ihre eisglitzernde Unnahbarkeit – das Geheimnis des späteren Weltstars – war verinnerlichtes Preußentum und resultierte aus dem Regiment der Mutter, eine Generalswitwe - Marlene nannte sie einen „guten General“ -, die die preußischen Tugenden Pflichterfüllung, Gefühlskontrolle, Selbstbeherrschung und unbedingte Loyalität an ihre Töchter weitergab.
Ganz anders der Charme der Berber. Dinah Nelken, mit der sie die Tanzschule besuchte, beschrieb sie folgendermaßen: „Sie war ganz unschuldig und reizend. Sie war von Natur aus ein heiterer Mensch […] spontan und hemmungslos… Bei aller Vorliebe für Flirts hatte sie einen unglaublichen Liebreiz, ohne ordinär zu wirken.“ Das Modejournal Elegante Welt suchte ihren „eigenartigen Reiz“ mit ihrer „knabenhaften“ Statur und „herben Schlankheit“ zu begründen. Doch die Modewelt wurde nicht nur aufmerksam auf sie, Anita Berber prägte auch die Mode der Zeit. Sie war die erste Frau, die einen Smoking trug: „Eine Zeit lang machten ihr in Berlin die mondänen Weiber alles nach. Bis aufs Monokel. Sie gingen á la Berber“, berichtet der Zeitgenosse Siegfried Geyer. Auch Marlene Dietrich prägte die Modewelt, durch ihre Rolle im Blauen Engel. „Das Mannweib, das so unvergleichlich dragonerhaft über die Bühne stolzieren konnte“, wurde zum Idol der lesbischen Welt. Es habe damals einen Trend gegeben, sich wie die Dietrich anzuziehen, erzählt eine Zeitgenossin.
Beide, die Berber wie die Dietrich, zeigten ihre Körper nur zu gern auf der Bühne. Doch Anita zog sich komplett aus, auch für die Kunst. 1925 stand sie für Otto Dix Modell, der sie so alt malte, wie sie nie wurde: ausgezehrt, eingefallen, faltig, der Mund blutrot, der Teint blaß und die Augen todesdunkel. Dix’ Ehefrau Martha erlebte sie so: „Während sich Anita eine Stunde lang schminkte, trank sie dazu eine Flasche Cognac.“ Doch sie verkaufte ihren Körper nicht nur als Modell, sie bot ihn auch physisch feil. Martha Dix: „Jemand sprach sie an, und sie sagte ,200 Mark.’ Ich fand das gar nicht so furchtbar. Irgendwie musste sie ja Geld verdienen.“ Undenkbar bei einer Dietrich, obwohl beide auch ihren Hang zur Bisexualität auslebten und in entsprechenden Etablissements verkehrten. Dennoch war die unbeherrschte, unbeherrschbare Berber der totale Kontrapunkt zur disziplinierten Dietrich. Sie machte Schluss mit jeder preußischen Disziplin. Sie war berüchtigt für ihre Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit. So manches Mal fiel ein Auftritt aus, weil sie betrunken war oder von Morphium und Kokain benebelt. Zu einem Journalisten sagte sie einmal: „Ich weiß genau, was mit mir los ist. Ich bin verkommen. Ich schnupfe Kokain. Ich habe schon entzündete Nasenflügel davon…“
Anita Berber schaffte es nicht wie die Dietrich, in der Widerspiegelung von fremden Wünschen und Ängsten die Balance zu halten. Sie wurde von ihrem Publikum gespalten, weil kaum jemand sie – nicht einmal die Berber sich selbst – in Gänze aushalten konnte. Die Dietrich aber konnte „lächeln wie ein Idol, wie die archaischen Griechengötter und dabei harmlos aussehen“, schrieb Franz Hessel. „Mag die Situation noch so bedenklich, mag ihr Kostüm noch so frech und herausfordernd sein, sie breitet über Kleid und Welt ihr holdes Lächeln. Darin ist nichts, was erobern oder erobert werden will. Es ist sanftmütig erregend und stillend zugleich.“ Unerreichbar hoch der Altar, den Hessel und andere der Dietrich errichteten, auf dass sie unantastbar bliebe: die Ekstase des Verzichts als das Geheimnis der Star-Verehrung. Etwas, das die exzessive Berber nicht verkörpern konnte.
Titania Carthaga - 2007-09-28 00:01
4 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Parsival - 2007-10-01 12:03
Marlene und Anita
"Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich die gleichen Fehler machen. Aber ein bisschen früher, damit ich mehr davon habe." (Marlene Dietrich)
"Ich kam in einen Garten
Der Garten war voll von Orchideen
So voll so voll und schwer
Es blühte und lebte und bebte
Ich kam nicht durch die süßen Verschlingungen
Ich liebe sie so wahnsinnig
Für mich sind sie wie Frauen und Knaben -
Ich küsste und koste jede bis zum Schluss
Alle alle starben an meinen roten Lippen
an meinen Händen
an meiner Geschlechtslosigkeit
Die doch alle Geschlechter in sich hat
Ich bin blass wie Mondsilber." (Anita Berber)
Professioneller Pragmatismus vs. maß-plan-loses totales Ausleben.
Preussische Disziplin in der Form notwendiger Emigration gegen die schrillen Farben einer sich schnell aufzehrenden Flamme exzessiven Expressionismus.
Der Ruhm langer, am Ende zu langer, greiser und siechender alter Jahre verblasst angesichts des viel zu kurzen, jedoch hellen, heißen und verbrennenden Kerzenscheins der Jungen.
Männer und Frauen bei beiden. Die eine ließ verrückt werden - die andere wurde es darüber.
Hier stehe ich an den Marken meiner Tage - da hatte die Andere vergleichend nur Sekunden gelebt.
Und doch: im völligen Unterschied eint sie letztlich das Unerfüllte, Rastlose, Einzigartige, Unergründliche, nie ganz Begreifbare.
Vor allem das Unnahbare und Geheimnisvolle.
Wie wohl das tut in einer Welt des grenzenlos tumben Voyeurismus.
Denken wir also ab und zu an die Dietrich und die Berber. Und die späte französische Romy Schneider.
Denn uns bliebe sonst nur Katja Riemann - und das hat niemand wirklich verdient.
Ein Geburtstagsgeschenk, wie es noch keines in dieser Form gab.
Lächeln.
Später mehr und persönlich.
"Ich kam in einen Garten
Der Garten war voll von Orchideen
So voll so voll und schwer
Es blühte und lebte und bebte
Ich kam nicht durch die süßen Verschlingungen
Ich liebe sie so wahnsinnig
Für mich sind sie wie Frauen und Knaben -
Ich küsste und koste jede bis zum Schluss
Alle alle starben an meinen roten Lippen
an meinen Händen
an meiner Geschlechtslosigkeit
Die doch alle Geschlechter in sich hat
Ich bin blass wie Mondsilber." (Anita Berber)
Professioneller Pragmatismus vs. maß-plan-loses totales Ausleben.
Preussische Disziplin in der Form notwendiger Emigration gegen die schrillen Farben einer sich schnell aufzehrenden Flamme exzessiven Expressionismus.
Der Ruhm langer, am Ende zu langer, greiser und siechender alter Jahre verblasst angesichts des viel zu kurzen, jedoch hellen, heißen und verbrennenden Kerzenscheins der Jungen.
Männer und Frauen bei beiden. Die eine ließ verrückt werden - die andere wurde es darüber.
Hier stehe ich an den Marken meiner Tage - da hatte die Andere vergleichend nur Sekunden gelebt.
Und doch: im völligen Unterschied eint sie letztlich das Unerfüllte, Rastlose, Einzigartige, Unergründliche, nie ganz Begreifbare.
Vor allem das Unnahbare und Geheimnisvolle.
Wie wohl das tut in einer Welt des grenzenlos tumben Voyeurismus.
Denken wir also ab und zu an die Dietrich und die Berber. Und die späte französische Romy Schneider.
Denn uns bliebe sonst nur Katja Riemann - und das hat niemand wirklich verdient.
Ein Geburtstagsgeschenk, wie es noch keines in dieser Form gab.
Lächeln.
Später mehr und persönlich.
Titania Carthaga - 2007-10-02 15:21
Zur Katharsis muss man geboren sein.



ANNO 1900, Weimar. Eine kulinarisch-literarische Ausschweifung











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