Falsche Wörter
Heute z.B. las ich "sich entfremden" - und war überrumpelt. Der Bedeutungshof "sich fremd werden", was es ja normalerweise m e i n t, ergibt sich aus dem Wort selbst überhaupt nicht - im Gegenteil. Ent- fremden, das bedeutet doch, wörtlich genommen, Fremdheit zu eliminieren, sie wegzuwischen, sich also n a h e zu kommen.
Noch so ein Wort: Arbeitnehmer. Schon im Wort selbst ist es - nach landläufiger Verwendung - widersinnig (oder wenigstens doppeldeutig), denn ich g e b e doch meine Arbeitskraft und nehme sie nicht, oder maximal dem Chef a b, entlaste also, bin sozusagen Dienstleister. Der Arbeit"nehmer" als Dienstleister oder gar Kunde... Warum hat das bisher noch keiner so gesehen?
Titania Carthaga - 2008-05-22 23:57
10 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
tinius - 2008-05-23 06:31
Ich denke, im Wort Arbeitnehmer wird die faktische Macht des Arbeitgebers zementiert. Er hat die Arbeit und damit die Entlohnung zu bieten, Du Deine Arbeitskraft und - inzwischen wieder - Deine Genügsamkeit. ;) wenn Du also nehmen willst, bedarf es der durch den Arbeitgeber bestimmten Gegenleistung.
franzzi (Gast) - 2008-05-26 16:58
Weil Du ja die Arbeit nimmst, um sie mit Deiner Arbeitskraft auszufüllen. Wenn Du nämlich niemanden findest, der Dir Arbeit gibt, dann bist Du arbeitslos, obwohl Du ja Deine Arbeitskraft behälst.
Es hat wohl weniger mit der alten Kategorisierung Arbeit, Kapital, Boden zu tun - denn dann wäre man tatsächlich der Arbeitgeber, als vielmehr mit dem Prinzip der Nutzung der Arbeitskraft, des Arbeitnehmens zum Zwecke des Geldverdienens. Denn nur für den Arbeitgeber arbeitet im Zweifelsfall auch das Kapital ;)
Aber bei "sich entfremden" hast Du völlig recht.
Das ist ähnlich konfus wie die "Doppelhaushälfte" (also ein Ganzes?!) und evtl. der "eingefleischte Vegetarier". Obwohl letzteres ja eher mit der Mehrdeutigkeit spielt, als klar eine Sinnverzerrung zu sein.
LG
Es hat wohl weniger mit der alten Kategorisierung Arbeit, Kapital, Boden zu tun - denn dann wäre man tatsächlich der Arbeitgeber, als vielmehr mit dem Prinzip der Nutzung der Arbeitskraft, des Arbeitnehmens zum Zwecke des Geldverdienens. Denn nur für den Arbeitgeber arbeitet im Zweifelsfall auch das Kapital ;)
Aber bei "sich entfremden" hast Du völlig recht.
Das ist ähnlich konfus wie die "Doppelhaushälfte" (also ein Ganzes?!) und evtl. der "eingefleischte Vegetarier". Obwohl letzteres ja eher mit der Mehrdeutigkeit spielt, als klar eine Sinnverzerrung zu sein.
LG
granum (Gast) - 2008-05-26 17:55
falsche Wörter?
"entfremden" - ob reflexiv gebraucht oder nicht - ist sicher kein "falsches Wort". Das ent- geht hier auf ein altes in- zurück, man bezeichnet es als inchoatives ent-, welches das Geraten oder Versetzen in einen Zustand bezeichnet. Ebensolches ent- gibts übrigens ja auch in entblößen, entflammen, entleeren, entschlafen usw.usf., welche ja auch nicht eigentlich "zudecken, löschen, füllen oder aufwecken/aufwachen" bedeuten, oder? In "Arbeitnehmer" ist nun sicher nicht die Arbeitskraft enthalten, sondern die Arbeit als Aufgabe und Tätigkeit, die der Arbeitnehmer ja nun wahrlich über"nimmt" (oder es jedenfalls sollte).
Noch so ein Trottel (Gast) - 2008-06-12 01:46
Grantliges Granum,
bescheidene Menschen lassen den Raum, den sie betreten, größer erscheinen. (Na, von wem ist das, Bildungsmeister?) Nach dem Lesen Ihrer mehrfachen Kommentare fühlt sich die Welt hingegen extrem eng an.
Eine Quizfrage extra für Sie: Kann Wissen, das sich hinter einer Stirn staut, einen Schädel eng-stirnig machen? Weil dieses Wissen zwar rekapituliert werden kann aber wegen eines Mangels an Kreativität gänzlich unproduktiv bleiben muss? Kann dieses Wissen demnach als erworbene Behinderung betrachtet werden?
Eine Quizfrage extra für Sie: Kann Wissen, das sich hinter einer Stirn staut, einen Schädel eng-stirnig machen? Weil dieses Wissen zwar rekapituliert werden kann aber wegen eines Mangels an Kreativität gänzlich unproduktiv bleiben muss? Kann dieses Wissen demnach als erworbene Behinderung betrachtet werden?
maiertext.de (Gast) - 2008-06-10 23:24
Seltsame Doppelbödigkeiten
Sehr schöner Blog!
Doch doch, ich sehe sowas ständig! Da sind Sie nicht allein.
"entfremden" wird eigentlich verwendet wie "befremden", das es leider nur als Substantiv gibt, analog zu "befreunden".
"Es gibt da so einige Menschen, mit denen ich mich gerne intensiver befremden würde."
Die deutsche Sprache ist voller Merkwürdigkeiten. Lustig finde ich z.B. dass oft ein "Ausschuss" über wichtige Dinge befindet. Wobei "Ausschuss" ja auch einfach nur "Müll" bedeuten kann. "Ausschussware" beschreibt also in seiner Doppeldeutigkeit auch das, was bei Deutschland sucht den Superstar hinten raus kommt. Apropos hinten rauskommen:
Ein anderes schönes, deutsches Wort ist "Ausscheidungskämpfe". Was sollen sich Leute mit Stoffwechsel darunter vorstellen? Wie Arthur Rimbaud irgendwo mal schrieb: "Ein Schlagertext trieb mir das Grauen in die Knochen." Klar, wo's um Herzen und ums sich-verzehren geht ist das Thema Kannibalismus o.ä. Aber ich schweife ab.
Jedenfalls war es sehr nett hier bei Ihnen!
Doch doch, ich sehe sowas ständig! Da sind Sie nicht allein.
"entfremden" wird eigentlich verwendet wie "befremden", das es leider nur als Substantiv gibt, analog zu "befreunden".
"Es gibt da so einige Menschen, mit denen ich mich gerne intensiver befremden würde."
Die deutsche Sprache ist voller Merkwürdigkeiten. Lustig finde ich z.B. dass oft ein "Ausschuss" über wichtige Dinge befindet. Wobei "Ausschuss" ja auch einfach nur "Müll" bedeuten kann. "Ausschussware" beschreibt also in seiner Doppeldeutigkeit auch das, was bei Deutschland sucht den Superstar hinten raus kommt. Apropos hinten rauskommen:
Ein anderes schönes, deutsches Wort ist "Ausscheidungskämpfe". Was sollen sich Leute mit Stoffwechsel darunter vorstellen? Wie Arthur Rimbaud irgendwo mal schrieb: "Ein Schlagertext trieb mir das Grauen in die Knochen." Klar, wo's um Herzen und ums sich-verzehren geht ist das Thema Kannibalismus o.ä. Aber ich schweife ab.
Jedenfalls war es sehr nett hier bei Ihnen!
granum (Gast) - 2008-06-11 11:19
befremdliches Befremden
Na, das befremdet mich nun aber doch sehr - obschon auch gleich wieder nicht. Die Welt und besonders die Sprache sind halt voller Merkwürdigkeiten, wenn man sie nur naiv und kenntnisarm genug betrachtet.
Titania Carthaga - 2008-06-27 11:43
Wusste nicht, dass Rimbaud bereits unsere Schlagertexte kannte... ;o)
Ralf Maier (Gast) - 2008-06-10 23:36
Backlink
Titania Carthaga - 2008-06-27 11:42
Kein Problem - herzlichen Dank! :)
erdbaer - 2008-06-17 00:03
Marx
arbeiter = arbeitgeber
boss = arbeitnehmer
karl marx hat die falschen bedeutungen von arbeitgeber und -nehmer in irgendeinem der vorworte zum ersten band vom kapital angemerkt und auch festgestellt, dass sie eigentlich andersherum mehr sinn machen. er hats auch mit der arbeitskraft begründet, die der proletarier gibt.
boss = arbeitnehmer
karl marx hat die falschen bedeutungen von arbeitgeber und -nehmer in irgendeinem der vorworte zum ersten band vom kapital angemerkt und auch festgestellt, dass sie eigentlich andersherum mehr sinn machen. er hats auch mit der arbeitskraft begründet, die der proletarier gibt.



ANNO 1900, Weimar. Eine kulinarisch-literarische Ausschweifung











Trackback URL:
http://rdh.twoday.net/stories/4943727/modTrackback