
Es gäbe viel zu berichten aus den letzten Jahren. Von Grundsätzlichem, schreibt er, wolle er mir erzählen. Von dem Warum grundlos eingestellter, ursprünglich doch so inspirierender Schreibereien, denen, lange nach dem Ende der Korrespondenz, dennoch ein Treffen folgte. Während diesem beäugte man sich vorsichtig aus der Ferne, wiewohl man in geselliger Runde nebeneinander saß. Später Nummern tauschte. Und hernach schwieg.
Die Korrespondenz ist bald drei, das Treffen ein knappes Jahr her. Dass ich ihn das erste Mal sah, ohne dass er sich meiner erinnern könnte, muss an die acht Jahre her sein, zu einer Zeit also, da ich gerade dem Teenageralter entschlüpft war. In einem Club geriet er mit meinem damaligen Freund kurz und heftig verbal aneinander. Ich stand dabei und erschrak über seine energische und doch so selbstsichere Klarheit, mit der er die Beleidigung des Freundes erwiderte. Diese keinen Widerspruch duldende Unbedingtheit, mit der er den Angriff zurückwies, irritierte und faszinierte mich gleichermaßen. Nach diesem Vorfall begegnete ich ihm noch ein paar Mal, vielmehr: streifte er in einiger Entfernung meine Blicke, bis ich ihn schließlich irgendwann vergaß. Er hatte wohl zwischenzeitlich die Stadt verlassen.
Einige Jahre und Beziehungen später wollte meine gerade aktuelle Liaison seinem langjährigen Studienfreund einen Streich spielen, bei welchem ich als Lockvogel fungieren sollte. Ich wusste nicht, um wen es sich bei dem Freund handelte – denn was sind schon Namen ohne Gesichter. Der Streich ist weder sonderlich erzählenswert noch relevant. Er ist es nur insofern, als dass durch ihn der virtuelle Kontakt zwischen ihm und mir zustande kam, welcher in besagten „inspirierenden Schreibereien“ mündete, in denen man parlierte über auf Papiertischdecken und in Kladden gekritzelte Gedanken, von Lotten und Werther, über Rotwein und die Scheidewege des Schicksals, die einem das Leben ins Büchlein diktiert. Die Zeilereien verloren sich nach einiger Zeit, ohne, dass ich hätte sagen können, weshalb.
Wieder gingen gut zwei Jahre ins Land. Irgendwann stand er plötzlich auf einer Party vor mir. Gemeinsame Freunde hatten ihn als Überraschungsgast mitgebracht. Wir mussten beide grinsen, als wir uns begrüßten, während wir die eigene Unbeholfenheit der Situation unterm Deckmäntelchen des souveränen Auftretens versteckten. Er setzte sich in der Runde, als sei es selbstverständlich – und vielleicht w a r es das auch – neben mich und wich nicht mehr von meiner Seite. Die Gelegenheit, sich zu zweit zu unterhalten, ergab sich jedoch nicht, dazu war die Runde zu klein. Mir schien es, als traue er sich unter seiner selbstsicheren Haut nicht recht. Vielleicht, weil er sich zu beobachtet vorkam, vielleicht, weil er sich nicht sicher war, wie ich reagieren würde.
Der Abschied war ähnlich der Begrüßung befangen. Ich gab meine Telefonnummer her, er umarmte mich. Seine glatt rasierte Wange ruhte für einen Moment beinahe innig auf meiner. Und obwohl mir das gefiel, entwand ich mich schleunig dieser Berührung, zu intim war sie mir. Nach diesem Abend hat er sich nie gemeldet.
Vor ein paar Tagen – ich weiß selbst nicht, wieso ich plötzlich darauf kam – gab ich in einem Businessportal seinen Namen in die Suchmaske ein. Prompt hatte ich sein Profil auf dem Schirm. Ich warf ein paar wenige Zeilen aufs digitale Papier, einen Gruß. Absenden. OK.
Noch in der gleichen Nacht kommt seine Antwort. Eine längere Mail, in der er mir schreibt, er sei überrascht und gleichwohl angetan. Wolle unsere Korrespondenz gern wieder aufnehmen, mit mir von dem Warum grundlos eingestellter, ursprünglich doch so inspirierender Schreibereien sprechen. Über den Rückzug nach persönlichem Kennenlernen. Von Grundsätzlichem "über Träume, Phantasien, Musen, Worte, Töne und Bilder, die im Kind wie im Mann wohl viel zu lange darbten“. Ist das der Gesang männlicher Sirenen oder ist doch etwas dran an seinen Worten? Die alte
Frage, ein jedes Mal von Neuem gestellt.
Ich habe eine Weile überlegt. Und mich schließlich dafür entschieden, ihm ambivalent zu antworten.
Soeben kam eine SMS von ihm. Er sei noch beschäftigt, er melde sich später am Abend. "Wortvorfreude", schreibt er. Jetzt hab ich ein klitzekleines bisschen Herzklopfen.
Übrigens, sein Name
beginnt mit M.
PS: Die 1. Stufe der Quersumme aus 4262617 - der zufällig vergebenen Storynummer in der URL (s.o.) - ist übrigens mein derzeitiges Alter, und die Binärquersumme ist - tata!
1. Nicht 0. Na, wenn das jetzt nicht was heißt!
(Jaja, ich weiß doch, dass ich ziemlich
geekig bin.)