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SchreibFragmente

23
Jan
2009

Just a kiss.

apos"Weshalb nicht?", frage ich ihn. Wir sitzen einander gegenüber in einem Weinkneipchen. Sprechen von vielem, der Wein füllt immer wieder die Gläser. Ich liege auf der Lauer. Warte auf das kleinste Anzeichen von ihm. Wir haben uns schon einige Male getroffen. Viele SMS gewechselt, telefoniert. Eigentlich ist alles klar, es steht greifbar im Raum wie zwischen uns der Tisch: Ja, ich will Dich. Sofort. Irgendwann hake ich meinen Zeigefinger in seinen Hemdausschnitt und ziehe ihn zu mir heran... seine Lippen finden meine, und ich vergesse alles um mich.
"Das war sehr gut, dass du das getan hast...", flüstert er mir zwischen zwei langen Küssen ins Ohr.
"Ich ahnte, du würdest dich nicht trauen", erwidere ich.
"Ich hoffte sehr, du wüsstest, ich würde mich nicht trauen."
"Weshalb nicht?"
"Aus dem gleichen Grund, aus dem du dich getraust hast."

Noch nie hat ein Mann mich s o geküsst.

21
Jan
2009

Gefährliche Liebschaft

aposSie: Ich bin kein Single.
Er: Ich weiß. Ich wusste es von Anfang an.
Sie: Also verliebe dich nicht.
Er: Verlieb dich!

15
Feb
2008

Der vierte Satz

aposDie Schweißperlen auf der Haut hoben und senkten sich unter den Wellenkämmen deines Atems, im Hintergrund der letzte Chor Beethovens. Ich verband mit dem Finger die Tropfen auf deiner Brust zu einem Netz, in dem sich das Licht brach. Götterfunke, sagte ich. Du lächeltest schläfrig.

20
Aug
2007

In vino veritas Amoris

apos„Mögen Sie Wein nicht oder trinken Sie keinen Alkohol?“
„Das kommt auf den Wein an…“
„Ich bevorzuge sizilischen, besonders den Chardonnay eines dortigen Klosters, Santagostino: leichte Anlehnung an Sherry, dezente Pfeffernote und schon fast ölig zu nennen. Man schmeckt Afrikas Sonne deutlich – wundervoll, sag ich Ihnen!“
„Sizilianischen habe ich noch nicht getrunken. Bei Weißwein bevorzuge ich bisher deutsche Gebiete“, bemühe ich mich.
„Ich mag die schwachbrüstigen deutschen Weine gar nicht. Besonders der rote Saft sollte maßlos übertrieben sein, extravagant, überschwenglich, bombastisch, affektiert. Er sollte daherkommen wie der Sohn des Peleus. Ein guter Wein schmollt immer ein wenig im Glas. Überhaupt sind Genüsse, Leidenschaften und Philosophie radikal, wenn sie wahr sind. Deshalb vertragen sich auch Calvinismus und Wein so schlecht.“

(Dialogausschnitt zwischen Hemingway & der Ich-Erzählerin in meinem ANNO-Text)

Rubrik: ich will doch nur spielen...

8
Aug
2007

Figurencharakterisierungen: Namen.

apos
  • Schievelbein, der von jedem nur bei seinem Nachnamen gerufen wurde, rauchte Rothändle. Die Packungen sahen immer völlig zerknautscht aus, selbst, wenn er sie gerade erst öffnete. In seinem Vollbart konnte man stets anhand der Reste seine letzte Mahlzeit erahnen. An seiner linken Hand fehlte der Daumen. Den hatte er vor Jahren bei einem Job im Sägewerk verloren. Da war er 19 gewesen. Doch darüber sprach er nicht gern. Das mochte weniger an dem Unfall selbst liegen, vermutete ich, als vielmehr an jenem Lebensabschnitt. Der hatte sich stumm in seinem Blick konserviert. Vergangene Geister haften einem wie ihm mehr an als anderen.
  • An Tatjana fiel mir zuerst auf, und das ist auch das deutlichste, an das ich mich bei ihr erinnern kann, stellvertretend für ihre Person sozusagen, dass sie, wenn sie über Dritte sprach, diese stets mit Vor- und Zunamen nannte. Ihre Stimme nahm für die Sekunden, in denen die schmalen Lippen Vokale und Konsonanten aneinander reihten, eine elitär-spöttelnde Distanz zu den Lauten ein, als glaubte sie ihren eigenen Lippen nicht ganz. Zugleich separierte sie den Zuhörenden als nicht zu diesem Kreis gehörig, weil der die betreffende Person nicht kannte.

6
Aug
2007

Tango du matin

aposEr solle sich endlich klar werden, was er wolle, statt seine Masken zu wechseln, wie es ihm gerade beliebt, habe sie ihm vorgeworfen.
Sie kenne, schiebt er nach, ihn ja ziemlich genau, nach den Jahren.
Die Stimme Gardels schwebt überm Zigarettendunst im Zimmer, durch das einzelne Sonnenstrahlen Morgenbotschaften senden.
Ob sie deshalb auch recht habe, frage ich ihn.
Könnte sie.
Seine Lippen saugen sich am Filter fest. Rot und zerbissen zwingen sie meinen Blick auf sich.
Ob es aber auch für ihn stimme, höre ich mich aus dem Off sprechen. Oder für andere?
Wir schweigen eine Weile, sehen dem Rauch nach, der tänzelnd zur Decke steigt.
Es ist doch nicht entscheidend, ob oder wie gut man jemanden kennt, sondern welche Perspektiven man anzunehmen bereit ist, versuche ich es ein letztes Mal.
Er drückt die Zigarette in den Aschenbecher, der zwischen uns steht.
Objektivität ist ein Hirngespinst.
Die rechte Hand spielt mit dem Feuerzeug, der Verschluss klackt silbern. Seine Initialen ziselierend darauf graviert. Ich beuge mich hinüber zu seinem Kopf, der im weißen Kissen ruht, über die feuchten Strähnen, die dunkel in die Stirn fallen, und zu seinem rauhroten Mund. Halte inne, da blickt er hoch zu mir. Ich küsse flüchtig seine Stirn, schmecke Salz, er lächelt kurz. Mein Magen verkrampft. Rutsche seitlich aus dem Bett und gehe ins Bad.
Als ich zurückkomme, liegt noch das silberne Feuerzeug auf dem weißen Laken, Rauchschlieren stehen selbstvergessen im Raum.

21
Jul
2007

Trauma

aposBisweilen traumatisiert auch das Brummen eines Käfers, der immer wieder tief gegen die Lampe fliegt.
Eine Kristallschale, gegen welche Glas stößt und die also k l i n g t, ebenso - und doch ganz anders.

4
Jun
2007

Hinterland (II. Fassung)

aposKeine Ahnung, wie ich hierher gekommen bin und wie lange ich schon hier stehe: auf einem kleinen Platz, den niedrige, höchstens zweistöckige, gehöftartige Häuser einfassen, inmitten ein Brunnen. In einem Hof kläfft ein Hund. Der Mond betrachtet sich im blanken Kopfsteinpflaster; er legt eine silberne Patina über Gemäuer, vom Wind ausgedünnte Baumkronen, Brunnenwasser. An dessen steinerner Einfassung kniend und im Wasser sich spiegelnd hockt eine Nixe, das Gesicht in den Händen verborgen. Kaum merklich flimmert der Mond auf ihren Handrücken, Schultern und Armen und fließt in ihren Schoß, um dort, in Wasser verwandelt, ins Becken zu fließen. Darin blinkt etwas. Ein Metallstück, vielleicht der Abfluss. Ich beuge mich über den Brunnenrand. Sieht aus wie eine Münze. Eine einzelne Münze in einem Brunnen mit Nixe darüber auf einem leeren Platz. Fast sieht es aus, als blickte mich ein Auge metallisch an. Ich ziehe Jacken- und Hemdärmel hoch, strecke den Arm aus und ins Wasser und versuche, es mit den Fingerspitzen zu erreichen. Ich schiebe mich weiter über den Rand dem Auge entgegen, verliere beinahe das Gleichgewicht dabei - der Brunnen ist zu tief. Richte mich wieder auf, blicke um mich. Dem Brunnen gegenüber ragt frühgotisch und dunkel eine Kirche empor. Wolken verfangen sich an der Spitze des Kirchturms, dessen Uhr ein Viertel schlägt. Aber von welcher Stunde?

Mir fällt wieder ein, dass ich Hilfe suche. Ich kann mir selbst nicht erklären, wie ich lebend und noch dazu unverletzt davon gekommen bin. Mein Auto ein Wrack, das überschlagen am Hang hinter der scharfen Linkskurve liegt, kurz vor dem Ortseingangschild. Was hatte da drauf gestanden - Kindelbrück? Aus einer Gasse, die rechts vom Platz zwischen zwei Hoftoren wegknickt, ein Lichtschein - der einzige in diesem Ort. Zwar gibt es vereinzelt Straßenlampen, jedoch leuchtet keine. Wohl auch hier der finanzielle Lochfraß ländlicher Gebietsverwaltungen, wie überall im Hinterland der Städte.
Ich folge dem Licht. Es dringt aus einem der Fenster. Die Gasse ansonsten dunkel. Über dem Fenster zuckt auf Neonröhrenweiß der Namenszug einer Kneipe. Einige der schwarzen Frakturbuchstaben fehlen dem Namen, der nach Heimat klingen soll. Sie ist nicht groß und, da es schon spät zu sein scheint, relativ leer. Ein blasser Typ in Lederhose lehnt an der Bar vor einem Bier, das Haar zu einem dürren Pferdeschwanz zusammengebunden; neben ihm eine junge Frau, eher noch Mädchen, auf einem Barhocker. So recht will sie hier nicht hinein passen mit ihrem schwarzfransigen kurzen Haar und bleich geschminktem Gesicht. An einem Tisch neben der Bar ein Ehepaar Ende der Vierzig. Dazwischen, in der Ecke, zwei Doggen. Die eine schwarzweiß gescheckt, sie hebt bei meinem Eintreten müde die Lider. Die andere, offensichtlich noch jung, springt auf und tänzelt um mich herum. In ihrem schwarzen Fell auf der Brust drei weiße Flecken, die eine Diagonale bilden. Ich mag Hunde nicht. Das bleiche Mädchen bemerkt das, ruft nach dem Hund: „Sirius!“ Der aber scheint meine Angst zu riechen, – „Sirius, bei Fuß!“ – jedenfalls denkt er überhaupt nicht daran, von mir abzulassen. „Sirius!“ dröhnt es plötzlich von hinter der Bar. Augenblicklich dreht das Tier ab und trollt sich in die Ecke.
Der Wirt, über seinem Bauch spannt eine speckige Weste, nickt mir zu und deutet, während er Gläser spült, mit dem Kinn auf den Tisch rechts neben der Tür, auf dem an einem Metallständerchen ein roter Wimpel baumelt: eine 3 prangt weiß darauf.
Die Wände, holzverkleidet und den Ruch rustikaler Gemütlichkeit verbreitend, sind mit Nippes vollgehängt und -gestellt: verstaubte Pokale, Wimpel, Blechteller, vergilbte Fotos. In der Ecke ein altes Röhrenradio. Sweet Home Alabama.
Frage ich gleich nach der Polizei oder erstmal nach einem Telefon, denk ich bei mir, da wälzt sich der Wirt mit einem Glas Bier zum Tisch, neben dem ich noch stehe, und stellt es mir hin.
“Hab gewusst, dass du kommst und schon mal für dich gezapft. Ganz frisch.”
Er grinst schmierig.
Unter seinem hochgekrempelten Hemdsärmel kriecht eine Schlange hervor, die eine Kugel im Maul trägt, nein, einen Apfel – der Stiel lugt seitlich hervor.
“Gibt’s hier ein Telefon? Ich müsste mal...”
“Nu setz dich erstmal und trink.”
Ich schlüpfe also aus meiner Jacke, hänge sie über die Lehne des Stuhls neben mir und setze mich.
“Ich zahl aber gleich.”
“Na, mal nich’ immer so ne Eile, eins nach’m anderen”, sagt er da, diesmal mit einem etwas freundlicheren Tonfall im Grinsen, das ihm wie Fett im Gesicht glänzt. An der Wand neben der Bar ein grünes Notausgangsschildchen. Dort geht’s zu den Klos.
Das Mädel lümmelt an der Bar, rührt mit einem Strohhalm im fast leeren Glas Eiswürfel um. Um den Hals trägt sie ein Lederband, daran ein Pentagramm. Verkehrt rum. Ishtars Trauergemeinde.
Das Klingeln eines Telefons tönt durch den Raum. Der Wirt rollt zurück hinter seine Bar. “Ja, gut… Ja… Weiß ich Bescheid.” Legt wieder auf. Kopfnicken zu dem Blassen, der daraufhin sein Glas leert, es hart absetzt und nach seiner Jacke greift, die auf dem Barhocker zwischen ihm und dem Mädel liegt. Das bricht in ein krähendes Lachen aus und verfällt in einen Kindersingsang: “Irgendwann sind wir alle dran, irgendwann sind wir alle dran!” Der Blasse zieht eine Münze aus der Tasche und legt sie auf den Tresen. Nickt dem Ehepaar in seiner Ecke zu, ein kurzer Blick zum Wirt, dann verschwindet er zum Notausgang.
Der Wirt kommt hinter der Bar hervor und schiebt sich durch den kleinen Gastraum zur Eingangstür. Die schwarze Dogge springt auf und läuft auf ihn zu. „Aus!“, der Wirt, und „Platz!“, wobei er mit dem Arm in die Ecke weist. Er holt einen Schlüsselbund aus der Westentasche und schließt ab. “Heut kommt keiner mehr.”

“Wie spät ist es eigentlich?” frage ich in seinen Rücken. Er wendet sich schwerfällig um mit routiniert flüchtigem Blick aufs Handgelenk, an dem keine Uhr zu sehen ist. “Gleich zwei. Warum willst du das noch wissen? Der Tag is eh gleich rum!”
Er lacht heiser. Das Mädel an der Bar summt noch immer die Melodie vor sich hin. Das Ehepaar kauert seltsam verschreckt auf der hölzernen Sitzbank.
“Noch ne Beam-Cola, Charlie!” kräht das Mädel an der Bar.
“Für dich is jetz genuch.“
“Komm schon!”
Die Stimme schlägt Purzelbäume. Das Telefon wieder. “Ja, okay.” Der Wirt legt auf.
“So, Lili, nu aber husch, husch.”
“Ach scheiße, Mann.”
Sie mault noch etwas, während sie eine Münze auf das Holz des Tresens legt und der Wirt sie zum Hinterausgang schiebt. Ich nehme einen großen Schluck von meinem Bier, das ich bis jetzt nicht angerührt habe. Sehe über den Glasrand zum Ehepaar hinüber. Die Frau, dünne Fältchen um die Mundwinkel, an die Seite ihres Mannes gedrückt, als versteckte sie sich in seinem schmalen Schatten. Kurz sieht der Mann mich an, reißt seinen Blick weg. Ein einzelnes Bierglas vor den beiden in einer Pfütze. Ich angle nach meiner Jacke. Hole meine Zigaretten hervor. An der Außenseite der Jackentasche hängt der Stoff im Triangel heraus. Nur eine windschiefe lässt sich noch rauchen.

Finde mein Feuerzeug nicht. Es muss beim Unfall durch das Auto und wer weiß wohin geflogen sein. Als ich aufblicke, wirft mir der Wirt eine Schachtel Streichhölzer zu.
“Danke.” Zum Ehepaar: “Sind Sie hier aus dem Ort?”
“Nee, Kannawurf.”
“Nachbarort, gleich drüben, fünf Kilometer von hier”, ergänzt der Wirt und weist mit dem Arm in die Richtung. Auf seinem Unterarm dunkelgrün die Schlange. Und zu den beiden: “Wollt ihr noch was?”
Sie nicken stumm und sind plötzlich ganz grau im Gesicht. Der Wirt spült Gläser und beginnt, ein weiteres Bier zu zapfen.
„Schönes Tattoo haben Sie da“, sage ich.
Er brummt geschmeichelt.
„Hab ich noch nie gesehn.“
Da klopft es kräftig gegen die Scheibe am Vordereingang.
“Jaja, immer mit der Ruhe!”, gibt der Wirt zurück und zapft das Bier fertig. Das Klopfen wird energischer. “Komm ja schon!”
Er bringt den beiden das Bier, schwimmt durch den Raum zur Tür und schließt auf. Eine alte Frau steht davor, auf einen Krückstock gestützt, mit verzerrtem Gesicht.
“Ja, Ilschen! Mit dir hab ich heut aber nicht gerechnet!”
“Ich auch nicht” entgegnet sie knapp und humpelt in den Gastraum.
“Osiris sieht das anders. Gib mir nen Schnaps. Vom guten.”
Sie zieht einen Stuhl von einem Tisch, lehnt den Stock an die Tischkante. Auf dem linken Ringfinger hockt ein schwerer, golden eingefasster Schmuckstein und schimmert perlmutt. Ihr zerfurchtes Gesicht kalkweiß, ihr Blick tot.
Ich seh zu dem Ehepaar, zum Wirt, zu der Alten. Es klingelt abermals, der Wirt schwimmt zum Telefon, lebendig, “ja, gut”, legt auf. Die Hunde springen. Sie jagen durch den Raum, hüpfen an der Alten hoch, kläffen, japsen. Das Ehepaar steht auf, die Frau sieht mich mitfühlend an – sie sind beide plötzlich blutüberströmt, die Kleider und das Haar versengt, ihre Gesichter verbrannt, der Mann ist am Bein verletzt, sie stützt ihn, “Gasexplosion”, erklärt sie mir im Hinausgehen und drückt dem Wirt zwei Münzen in die Hand. Der drängt mit seinem Körper die Hunde von ihnen ab. „Mintaka! Sirius! Aus!“
Ich seh an mir herunter: Hemd und Jeans sind zerrissen, überall ist Blut, unter dem Stofffetzen am Oberschenkel klafft Fleisch und etwas Weißes hervor. Ich will an meinen Kopf fassen, kann aber nur noch meinen rechten Arm bewegen, die Hand ist verdreht und blutverkrustet.
“Hier kommen alle vorbei, wenn sie gehen”, sagt der Wirt.
„Hastes jetz auch kapiert, Junge.“
Die Hunde haben sich wieder beruhigt.
„Ich verstehe nicht ganz…“
„Osiris braucht Trauzeugen“, erklärt die Alte konziliant. „Wie jeden Herbst.“


© by TC/RDH 2006-2007

25
Apr
2007

Freiheit 2.0

aposVor ein paar Tagen saß ich mit T_Tiger beim Spanier. Wir sprachen von Erinnerungen, Reisen und den dazugehörigen Bildern im Kopf. An der Wand hing ein Kachelmosaik, das mich entfernt an das Weiße Gold Dresdens erinnerte. Rote und gelbe Farbe verflossen darauf zur Flagge.
"Manchmal wünsche ich mir, man könnte all die Bilder im Kopf via Bioport auslesen, um sie anderen zu zeigen", sagte er da.
"Bist du dir sicher?"
"Dann könnte man die inneren Bilder endlich mit anderen teilen."
"Dafür gibt es Literatur, Musik, Kunst."
"Ich kann nicht malen - oder schreiben wie du."
"Aber davon erzählen. Das ist fast das Gleiche."
Ich stützte mich auf die dunkle Tischplatte und meine Unterarme, während er einen Schluck Wein von meinem Glas nahm.
"Wenn alle Bilder, die da oben", ich tippte ihm mit dem Zeigefinger gegen die Stirn, "gespeichert sind, ausgelesen werden könnten: ich bin mir sicher, du würdest vor deinen eigenen erblassen."
"Schon möglich." Er nickte dabei.
"Ziemlich sicher sogar. Ich halte die lieber weggesperrt und als Archiv für meine Träume oder Texte - entscheide jedenfalls selbst, was davon ich in die Welt lasse. Natürlich wird immer nur ein Teil nach draußen dringen, nie das Ganze, schon aufgrund von Bewusstheiten. Die Ahnung ist schließlich erst das, was es spannend macht. Und sie ist zumindest e i n e Voraussetzung dafür, dass Kunst überhaupt funktioniert."
"Aber der Künstler hat das nötige Handwerkszeug und vor allem Talent, das ich nicht besitze, um auch nur diese Ahnung zu erzeugen. Ich kann es nur perzipieren."
Schlank und schwarz saß er auf der Bank. Über ihm flatterte die Fahne.
"Es gibt noch einen anderen Grund, warum ich mir das definitiv nicht wünsche, wiewohl ich weiß, dass es am Fortschritt nichts ändert."
Ich nahm eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie an.
"Und zwar?"
Langsam blies ich den Rauch aus.
"Freiheit."
Durch den Rauch sah er mich an. Er liebte den leicht süßen Geruch des ersten Zigarettenzugs ebenso wie ich, obwohl er nicht rauchte.
"Mein Kopf kann zwar durchleuchtet und meine Gehirnströme gemessen werden. Man kann mir Dutzende Sensoren auf die Haut kleben, um meine Gefühlslage per Schweißproduktion undsoweiter zu analysieren. Jeder, den es interessiert, kann meine Spuren im Netz oder auf dem Erdball verfolgen. Wenige Klicks genügen, um herauszufinden, wann ich für was mit VISA gezahlt habe und dass ich meinetwegen gerade in Sevilla war. Aber meine G e d a n k e n gehören allein mir. D a s ist die letzte Bastion. Die allerletzte. Und die will ich mir nicht nehmen lassen - um keinen Preis."

11
Mrz
2007

Sonnenspiele

aposSie schritt im Geist die Küstenlinie ab, an der sie seinerzeit oft spazieren gegangen war, während sie den Rücken des Jungen betrachtete. Er saß am Nachbartisch auf der Biertischbank in der Sonne. Hatte das T-Shirt ausgezogen, das nun neben ihm über der abblätternden Farbe der Bank lag. Die Ärmel hingen herunter, als streckten sie sich dem letzten Grasbüschel entgegen, um dort hineinzugreifen. Unter der hellen Haut, die in der Sonne schimmerte, zeichneten sich fein die einzelnen Wirbel ab, liefen weich und biegsam vom blonden Nacken hinunter bis in den Steiß wie ein unter die Haut geschobenes Reptil. Über das rechte Schulterblatt hatte sich der Schatten eines aufgespannten Sonnensegels gelegt - eine Pigmentstörung der Haut, vielleicht Muttermal. Er formte die Landkarte einer Insel, die sie nur zu gut kannte. Deren Konturen füllten sich sofort mit Bildern. Thymian, der unterhalb des Leuchtturms in der prallen Sonne büschelte und seinen Duft weithin verströmte. Wilde Heckenrosen, die sich über den Abgrund der Steilküste warfen. An deren Fuß mäanderte, zum Steinstrand hin, eine Lehmader, ergoss sich an Holzbohlen vorbei ins Meer und verfärbte das Blaugrün in beigefarbenen Wolken.
Ihr Blick fiel auf den Kanten Brot, der im leeren Suppenteller lag. Sonnenflecken standen ihr vor den Augen, und sie wusste nicht, ob sie von außen auf die Netzhaut geworfen wurden oder doch von innen. Die Brise vom Meer her war abgeflaut und die Sonne brannte auf der Haut. Ihr wurde schwindelig. Sie erhob sich, wankte nach drinnen in den dunklen Gastraum des Ausfluglokals und suchte die Toilettentür. Fand sie nicht gleich, erkundigte sich am Tresen, über dem in einer Ecke die Fernsehröhre Bilder des Jahrhunderthochwassers zeigte – ganz Dresden ertrunken. Man wies ihr wortlos mit nachlässiger Geste die Richtung ums Eck, die Treppe hinab. Das Blut sackte tief in die Waden, während sie die Stufen hinab stieg und beinahe wäre sie gestürzt, doch sie bekam noch mit der rechten Hand das Geländer zu fassen. Unten ging eine Tür, und ihr entgegen, die Treppe empor, kam eine ältere Frau, kam auf sie zu.
"Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Brauchen Sie Hilfe?"
Die warme, sehnige Hand der Frau ruhte auf ihrem Unterarm. Ihre leicht gerötete Haut roch nach Sonnencreme.
"Nein, nein, danke, es geht mir gut. Es ist nur... die Sonne."
"Sind Sie sicher?"
Ruhig blickten diese Augen sie an.
"Nein, es geht schon wieder, danke. Es ist wirklich nur die Sonne."
Sie versuchte ein Lächeln. Die Frau erwiderte das, drückte ihr kurz noch den Arm und verschwand wortlos nach oben.
In der Toilettenkabine roch es stark nach Urin. Sie floh in die benachbarte. Starrte auf die Tür vor ihrer Nase und daran auf ein Plakat, das für einen überteuerten Segeltörn warb. Die Schaumkronen hüpften im Hintergrund der Reling, vor dem Horizont wehte dunkelblond sein mit Silberstreifen durchzogenes, vom Salzwasser strähniges Haar. Die Falten um seine Mundwinkel in die Haut gegrabene Schatten unter der hoch stehenden Sonne, wenn er lachte. Seine Haut, die immer dezent nach Leder roch und nach Schweiß.
Sie drückte den Spülknopf, wischte mit dem Handrücken über die Augen und trat ans Waschbecken. Blickte sich im Spiegel darüber an. Betrachtete die Fältchen, die bereits leicht hängenden Lider. "Du bist wie ein halb untergegangenes Land", hatte er ihr einmal gesagt und sie nicht angesehen dabei, stattdessen, die Unterarme auf die Reling gestützt, den Blick auf den Horizont geheftet. "Ich kann schon schwimmen, mach dir mal keine Gedanken", hatte sie ihm, vielleicht ein wenig zu flapsig, erwidert.
Sie verließ den Vorraum, wandte sich zur Treppe, da fiel ihr Blick auf einen Aufsteller mit Prospekten, der daneben aufgestellt war. Aufgeregt bunt bewarben sie einen Tagesausflug ins benachbarte Seebad, Ponyreiten am Bodden für Kinder, und wieder den Segeltörn. Sie zog den Flyer aus der Metallhalterung, blätterte darin, faltete ihn wieder zusammen. Da sprang ein Ball die Stufen herab und auf sie zu. Sie hob ihn auf. Die warme Lederhaut schmiegte sich auf ihre, er musste bis eben in der Sonne gelegen haben. In ihrer Hand schwammen weiße Segelboote auf blauem Wasser.
"Kann ich bitte meinen Ball haben?"
Vor ihr stand der Junge mit der Landkarte auf dem Rücken und dem Reptil unter der Haut.
"Oh, Entschuldigung."
Sie trat auf ihn zu, zögerte kurz. Dann:
"Wie heißt du denn?"
Der Junge schaute sie aus grauen Augen an.
"Willst du mir nicht sagen, wie du heißt?"
Sie hockte sich vor ihn hin, den Duft des warmen Leders in der Hand wiegend.
"Ich bin Ariane. Und du? Wie heißt denn du?"
Sie stupste ihm dabei mit dem Zeigefinger gegen die Brust.
Er zögerte, schließlich: "Daniel."
Seine Lider senkten sich über die Augen und die langen blonden Wimpern warfen kleine Halbmondschatten darunter.
"Machst du hier Ferien?"
Sein Blick blieb auf seine nackten Zehen geheftet, die aus den blauen Sandalen hervorlugten.
"Oder wohnst du hier?"
"Kann ich jetzt bitte meinen Ball wieder haben?"
Trotz und Unsicherheit in der Stimme.
Sie legte ihm den Ball in die Hände, ihre Finger berührten seine sonnenwarme Haut. Augenblicklich zog sie ihre Hand wieder zurück und der Junge rannte, den Ball unter den Arm geklemmt, die Stufen nach oben.
Benommen stand sie am unteren Ende der Treppe und starrte ihm nach. Das konnte einfach nicht sein, das war utopisch, geradezu lächerlich. Sie versuchte, sich dem Gedanken entgegenzustemmen, ihn mit Argumenten zu entkräften. Doch er ließ nicht von ihr ab, sondern fiel immer wieder und erneut über sie her. Der Segeltörn lag noch immer in ihrer Hand. Sie steckte ihn eilig wieder zurück in den Aufsteller und stieg die Stufen nach oben.

Als sie aus dem Gastraum ins Freie trat, sammelte die ältere Frau herum liegendes Spielzeug zusammen, klopfte es ab und verstaute es in einem Rucksack, von dessen Rückseite Micky Maus lachte. Neben ihr der Junge gerade dabei, sein T-Shirt überzuziehen. Langsam schritt sie an dem Tisch der beiden vorüber, beobachtete den Jungen aus den Augenwinkeln. Da entdeckte die Frau sie.
„Alles wieder in Ordnung mit Ihnen?“
Sie blieb stehen und wandte sich zu ihr um.
„Danke, ja, mir geht es gut.“ Sie strich ihr Haar aus der Stirn und schirmte mit der Hand die Augen vor der Sonne ab.
„Tante Anni, das ist die Frau von unten!“
Die Stimme des Jungen schnitt (?) in ihren Gehörgang. Die Frau lächelte, streichelte ihm über den Kopf.
„Entschuldigung, ich wollte nicht…“
„Ist schon gut“, ihr ruhiger Blick löste die momenthafte Spannung, „es ist aber besser, wenn er vorsichtig ist. Ich möchte das so. Man weiß ja nie.“
„Natürlich. Dann… wünsche ich noch schöne Ferien.“
Sie nickte der Frau zu, wandte sich von ihr ab, kurzer Blick zu dem Jungen. In die Bewegung hinein, bereits halb in ihren Rücken gesprochen:
„Wir machen keine Ferien. Wir sind von hier.“ Da blieb sie stehen, wandte sich langsam zurück.
„Ach... Dann sind Sie wirklich zu beneiden.“ Sie lachte verkrampft, während der Junge sie unsicher anblickte, als kennte er sie, hätte aber vergessen, woher.
„Der Alltag frisst an jeder Ecke, die man nicht vor ihm bewahrt. Das hat mit Geografie nichts zu tun.“ Die Frau lachte. „Ist der Junge nicht schon groß für seine sieben? Und ganz der Vater.“ Stolz setzte sie das nach, während ihre Hand auf seiner Schulter lag.
„Hat er das Mal auf dem Rücken von ihm?“
„Da schlägt Daniels Mutter durch. Ist es nicht wunderschön?“
„Wie eine Insel im weißen Meer.“
„Na siehst du, Daniel, da hörst Du’s!“ Sie streichelte ihm dabei übers das Blond, in dem die Sonne ihr Licht verfing(?) und, den Kopf zu ihm gebeugt: „Na, wir wollen dann nach Hause gehen.“

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Titania Carthaga

Mit etwas Größenwahn gelingen auch Dinge, die eigentlich unmöglich erscheinen.

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ANNO 1900, Weimar. Eine kulinarisch-literarische Ausschweifung
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[ kommentierte Ausgaben ]

Ähem
Regelmäßig schaue ich hier vorbei, um zu...
Ralf (Gast) - 2009-11-05 15:50
so
kann man ungefähr verstehen, was jedermann (v.a....
kakau - 2009-10-28 07:54
Yeahhh!
Auch wenn es schon wieder Geschichte ist, was da am...
Titania Carthaga - 2009-09-21 13:30
Oh, fein, herzlichen...
Oh, fein, herzlichen Dank! SollteHabe ich mir jetzt...
Titania Carthaga - 2009-09-15 15:02
Ich habe gerade gelesen...
Ich habe gerade gelesen und empfehle, falls nicht bekannt: Fernando...
twoblog - 2009-09-15 14:36
KaratPuhdysSternkomboMeiße n
Ach ohje... Jetzt hab ich aber echt einen Moment lang...
Titania Carthaga - 2009-09-15 14:29
"Weckt sie nicht, bis...
"Weckt sie nicht, bis sie sich regt..."
Anousch O. - 2009-09-13 22:19
Sehnsucht
...nach Hamburg? :)
Titania Carthaga - 2009-09-08 15:24

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