
Vor ein paar Tagen saß ich mit T_Tiger beim Spanier. Wir sprachen von Erinnerungen, Reisen und den dazugehörigen Bildern im Kopf. An der Wand hing ein Kachelmosaik, das mich entfernt an das Weiße Gold Dresdens erinnerte. Rote und gelbe Farbe verflossen darauf zur Flagge.
"Manchmal wünsche ich mir, man könnte all die Bilder im Kopf via
Bioport auslesen, um sie anderen zu zeigen", sagte er da.
"Bist du dir sicher?"
"Dann könnte man die inneren Bilder endlich mit anderen teilen."
"Dafür gibt es Literatur, Musik, Kunst."
"Ich kann nicht malen - oder schreiben wie du."
"Aber davon erzählen. Das ist fast das Gleiche."
Ich stützte mich auf die dunkle Tischplatte und meine Unterarme, während er einen Schluck Wein von meinem Glas nahm.
"Wenn alle Bilder, die da oben", ich tippte ihm mit dem Zeigefinger gegen die Stirn, "gespeichert sind, ausgelesen werden könnten: ich bin mir sicher, du würdest vor deinen eigenen erblassen."
"Schon möglich." Er nickte dabei.
"Ziemlich sicher sogar. Ich halte die lieber weggesperrt und als Archiv für meine Träume oder Texte - entscheide jedenfalls selbst, was davon ich in die Welt lasse. Natürlich wird immer nur ein Teil nach draußen dringen, nie das Ganze, schon aufgrund von Bewusstheiten. Die Ahnung ist schließlich erst das, was es spannend macht. Und sie ist zumindest e i n e Voraussetzung dafür, dass Kunst überhaupt funktioniert."
"Aber der Künstler hat das nötige Handwerkszeug und vor allem Talent, das ich nicht besitze, um auch nur diese Ahnung zu erzeugen. Ich kann es nur perzipieren."
Schlank und schwarz saß er auf der Bank. Über ihm flatterte die Fahne.
"Es gibt noch einen anderen Grund, warum ich mir das definitiv nicht wünsche, wiewohl ich weiß, dass es am
Fortschritt nichts ändert."
Ich nahm eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie an.
"Und zwar?"
Langsam blies ich den Rauch aus.
"
Freiheit."
Durch den Rauch sah er mich an. Er liebte den leicht süßen Geruch des ersten Zigarettenzugs ebenso wie ich, obwohl er nicht rauchte.
"Mein Kopf kann zwar durchleuchtet und meine Gehirnströme gemessen werden. Man kann mir Dutzende Sensoren auf die Haut kleben, um meine Gefühlslage per Schweißproduktion undsoweiter zu analysieren. Jeder, den es interessiert, kann
meine Spuren im Netz oder auf dem Erdball verfolgen. Wenige Klicks genügen, um herauszufinden, wann ich für was mit VISA gezahlt habe und dass ich meinetwegen gerade in Sevilla war. Aber meine G e d a n k e n gehören allein mir. D a s ist die letzte Bastion. Die allerletzte. Und die will ich mir nicht nehmen lassen - um keinen Preis."